Kritische Psychologie

Viele existentialistische Aussagen werden durch die Kritische Psychologie fundiert begründet. Die Kritische Psychologie nach Klaus Holzkamp (?-1994) versteht sich als "marxistische Subjektwissenschaft". Sie ist nicht nur eine Spielart der Fachpsychologie, sondern jene Wissenschaft, bei der vom Subjekt, vom Individuum her gesellschaftliche Zusammenhänge untersucht werden. Ganz allgemein werden hier grundlegende Bestimmungen des Menschseins diskutiert und abgeleitet.

Ausgangspunkt dafür ist eine (logisch-)historische Betrachtung. Menschen haben sich aus der Tierwelt herausgearbeitet, indem sie ihre Artspezifik entwickelten: sie können Einfluß auf die relevanten Umweltbedingungen nehmen – dies allerdings nicht individuell, sondern nur über die gesellschaftliche Kooperation (Osterkamp 1993, S. 27). Das Hauptbedürfnis jedes Menschen ist deshalb die Aufrechterhaltung bzw. Erweiterung seiner personalen Handlungsfähigkeit, was bedeutet, daß er seine individuelle Erhaltung und Reproduktion über die – gesamtgesellschaftlich vermittelte - praktische Verfügung über seine Lebensbedingungen anstrebt (Holzkamp 1983/1985, S. 241, S. 12).

Das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum ist kein abstrakt gegenüberstellendes. Menschliche individuelle Subjektivität wird erst durch die Gesellschaftlichkeit ermöglicht. Gesellschaftliche Reproduktion erfordert zwar "im statistischen Durchschnitt" die sie erzeugenden Handlungen von Menschen. Für das einzelne Individuum ist sein individueller Beitrag aber nicht notwendig festgelegt – aus der Sicht des Einzelnen bedeutet das: Was für das Ganze notwendig ist, hat für den Einzelnen nur Möglichkeitscharakter. Das Individuum kann sich als Individuum bewusst zu dieser Rahmenbedingung verhalten. Bewusstes-Verhalten-Zu bedeutet, er hat Möglichkeiten "nicht oder anders zu handeln" (Holzkamp 1983/1985, S. 236). Anders ausgedrückt:

"Einerseits sind in den gesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen objektive Notwendigkeiten enthalten, andererseits hängt es von meinem subjektiven Standort, meiner Situation, meiner Befindlichkeit und meinen Intentionen ab, ob und welche Handlungsmöglichkeiten ich für mich ergreife. Zu den Handlungsmöglichkeiten gehört damit auch, die Handlungsmöglichkeiten selbst zu ändern" (Lenz, Meretz 1995, S. 68).

Durch den gesellschaftlichen Charakter der Reproduktion ist nicht etwa ein Zwangssystem konstituiert, sondern er ermöglicht die spezifisch menschliche Möglichkeitsbeziehung gegenüber der Welt, auf der alle Subjektivität und Freiheit sich gründet.

Gerade um das individuell-Subjektive zu realisieren, ist die Gesellschaft notwendig. Jeder einzelne Mensch ist notwendigerweise in die Gesellschaft eingebunden – er ist "natürlich gesellschaftlich". Gerade das, was dem menschlichen Individuum in alter Tradition als Besonderes zugesprochen wird, seine Subjektivität, ist ohne Gesellschaft nicht zu haben.

Seine Handlungsmöglichkeiten sind nicht völlig unstrukturiert. Nicht absolute Willkür wäre das höchste Maß von Freiheit – sondern nur die Unmöglichkeit, die individuellen Handlungsgründe direkt von äußeren Umständen ableiten zu können oder sie auch nur von außen "objektiv" beurteilen zu können. Die Erhaltung und Erweiterung der personalen Handlungsfähigkeit ist ein Bedürfnis, dem letztlich jeder Mensch folgt. Es gibt hierbei zwei grundsätzlich verschiedene Strategien, die Holzkamp "allgemeine" und "restriktive" Handlungsfähigkeit nennt. Im zweiten Fall werden die unmittelbar gegebenen Handlungsmöglichkeiten ("nach Möglichkeit") nicht überschritten. Im ersten Fall werden die gegebenen Möglichkeiten erweitert ("in Möglichkeit"). Beide Strategien können angemessen sein, um ein gutes Leben zu ermöglichen. Es wäre dem Konzept der Kritischen Psychologie nicht angemessen, wenn normativ bestimmt würde, daß eigentlich jeder nach verallgemeinerter, also erweiternder Handlungsfähigkeit streben müsste. Wenn ein Mensch sich entscheidet, sich zufrieden zu geben mit dem Vorhandenen, ist es als seine subjektive Entscheidung zu respektieren. Es ist möglich zu verstehen, daß diese Strategie z.B. bei der Gefahr des Verlusts der bereits erreichten Handlungsfähigkeit häufig auftritt. Und es ist möglich, einander im gegenseitigen Austausch von Gedanken, Möglichkeiten, Motivationen usw. Erfahrungen über typische Möglichkeitsräume, über den jeweils möglichen Umgang damit nahe zu bringen und dabei freie Kooperationen für die gemeinsame Erhaltung oder Erweiterung der Handlungsfähigkeit zu vereinbaren. Die Kategorien der Kritischen Psychologie können zur Strukturierung dieser Gespräche hilfreich sein –ohne etwas normativ vorzugeben.


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