F) Graswurzel-Demokratie

 

Regionalisierte Wirtschafts- und Lebensgemeinschaften werden auf der Grundlage von Dezentralisation und Flexibilisierung völlig neue Anforderungen und Möglichkeiten zur demokratischen Selbstbestimmung haben. Die uralte politische Forderung nach Selbstbestimmung erhält hier ihre materielle Fundierung.

Wir treffen uns hier auch wieder mit ursprünglichen marxistischen Forderungen:

  • Das Wort "Staat" im Parteiprogramm durch "Gemeinwesen" zu ersetzen (MEW, Bd. 34, S. 128)
  • Selbstregierung der Produzenten (MEW, Bd. 17, S. 339)
  • Machtübergabe die lokale Selbstverwaltung/Selbstregierung (MEW, Bd. 17, S. 341)...

Die bisherigen Revolutionen in der Geschichte ersetzten bestimmte Herrschaftsformen durch neue. Diesmal geht es um die Abschaffung jeglicher Herrschaft über Menschen und die Natur ein völlig neues gesellschaftliches Ziel. Dieses Ziel beinhaltet, daß die Menschen sich selbstbestimmt versorgen und ihr soziales und kulturelles Leben selbst organisieren: Bisher wurden die gesellschaftlichen Beziehungen über persönliche oder strukturelle Gewaltverhältnisse vermittelt die Menschen in der herrschaftsfreien Gesellschaft haben die Möglichkeit, sich von beiden Gewaltverhältnissen zu emanzipieren. Dies erfordert aber, daß auch auf dem Weg, auf dem dieses Ziel erreicht werden soll, dieser Aufgabe entsprechend auf Gewalt- und Machtverhältnisse verzichtet werden muß. Es muß zu dem von Marx in der 3. Feuerbachthese angemahnten "Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der... Selbstveränderung" kommen.

Seit ca. einem Jahr (also Mitte 1999) beziehen sich viele Diskussionen über mögliche Formen, in denen sich diese Selbstorganisation von unten strukturieren könnte, auf das Beispiel auf der Softwareszene: Open Source, Linux, GPL.
Die freie Softwareentwicklung ist eine Keimform personal-konkreter Produktivkraftentwicklung im Meer der dominanten wertvermittelten gesellschaftlichen Reproduktion. Als Beispiel sei kurz die "Linux-Story" geschildert (ausführlich in Meretz, 1999b). Linux ist ein freies, extrem leistungsfähiges Computerbetriebs-system, das komplett ohne Verwertungsinteresse in weltweiter Kooperation einiger tausend Menschen "aus eigenem Antrieb" entwickelt wurde (und wird). Eine spezielle Lizenz [GNU General Public License (GPL), auch "Copyleft" genannt, vgl. http://www.gnu.org/copyleft/gpl.html] garantiert die freie, öffentliche Verfügbarkeit und schließt eine Privatisierung und damit Integration in den Verwertungszyklus aus. Damit wurde ein Sonderraum geschaffen, in dem sich Menschen zusammenfanden, die aus Spaß an der eigenen Entfaltung Software schufen, die jede/r nutzen kann. Software gilt als besonders verdichtete Form gesellschaftlichen Wissens, und es schien ausgemacht, daß ihre Herstellung strikter hierarchischer Organisationsformen bedarf, wie sie in kommerziellen Softwarefirmen existieren. Die Praxis bewies das Gegenteil. In den verwertungsfreien Sonderräumen schufen sich die Entwickler/innen völlig neue Organisationsformen, die auf Vertrauen und anerkannter Leistung basieren. Das Prinzip ist denkbar logisch und einfach: Was funktioniert, das funktioniert. Jede/r kann ein neues Projekt gründen und um Mitstreiter/innen werben. Erkennen die Mitstreiter/innen den/die Projektkoordinator/in (Maintainer/in) an, so werden sie ihn/sie unterstützen und Beiträge zum Projekterfolg leisten - und wenn nicht, dann eben nicht. Der/die Maintainer/in wiederum hat ein unmittelbares Interesse, die Projektmitglieder ernst zu nehmen, ihre Beiträge zu würdigen und als gute/r Moderator/in zu fungieren. Es gibt keinen abstrakten übergeordneten Mechanismus, der die Ziele der Projekte bestimmt. Die Ziele setzen sich die Projekte selbst, sie richten sich nach den Wünschen der Mitglieder, nach den Bedürfnissen nach Selbstentfaltung, Anerkennung und Spaß: "We just had a good time". Diese personalen, konkreten Vermittlungsformen sind die Voraussetzung für den Erfolg freier Software, sie stellen die abstrakt-wertvermittelten Formen geradezu auf den Kopf - oder vom Kopf auf die Füße, wenn man in Rechnung stellt, daß man sich schlicht den Umweg über die Wertabstraktion "spart". Die Resultate dieser Keimformen neuer Produktivkraftentwicklung "am Rande der Gesellschaft" sind bemerkenswert: anerkannt überlegene Produktqualität und schier unendliche gegenseitige Hilfsbereitschaft in der freien Software-Community. Noch vor zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen, daß ein verwertungsfreies Produkt, geschaffen von freien Entwickler/innen, nur über das Internet miteinander verbunden, zur ernsten Bedrohung des weltgrößten Softwarekonzerns (Microsoft) werden sollte.
(aus: "Freie Menschen in freien Vereinbarungen - Gegenbilder zur EXPO 2000", S. 44)

 


Siehe auch:

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