Eindimensionale Menschen mit grünen Haaren?

In unserem interessanten Jahrhundert erleben wir derzeit einen grundlegenden Wandel der Möglichkeiten, sein Selbst auszuformen und mit anderen Menschen zusammenzuleben. Frühere Formen, die Übergänge und auch die sich neu herausbildenden Möglichkeiten haben viele verschiedene Aspekte.

Moderne Karrieren

Typisch für die kapitalistische Gesellschaftsform wurde die Befreiung aus persönlichen Abhängigkeiten, die sich im Ruf der französischen Revolution: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ausdrückte. Die von Bluts-, Zunft- und Feudalfesseln freien Menschen waren nun persönlich frei - aber auch verantwortlich für ihr Überleben. Ihre reale Zusammengehörigkeit vermittelte sich von nun ab grundlegend über personenneutrale anonyme Märkte. Im negativen Sinne bedeutet diese "Marktvergesellschaftung... asoziale Soziabilität" (Breuer, zit. nach Sana, S. 73).

Da gleichzeitig seit Anfang dieses Jahrhunderts das Ökonomische die Lebensgestaltung deutlich dominiert, prägen sich die ökonomischen "asozialen" Beziehungen allen anderen Beziehungen zwischen Menschen deutlich auf. Obwohl Arbeits- und Wohnort erstmals voneinander getrennt sind, reicht der Einfluß der Produktionswelt weit in das private soziale Leben hinein.

"Der Produktionsapparat und die Güter und Dienstleistungen, die er hervorbringt, "verkaufen" das soziale System als Ganzes oder setzen es durch." (Marcuse 1998, S. 31).

"Massenproduktion und -distribution beanspruchen das ganze Individuum, und Industriepsychologie ist längst nicht mehr auf die Fabrik beschränkt..." (Marcuse 1998, S. 30)

 

Die Menschen definierten sich von nun ab selbst über ihre Berufs-Karrieren, sie konnten sich geplant den Lebensstandard erhöhen, kleine Schritte vorwärts gehen, ihren Kindern die Startbasis für ein besseres Leben geben.

Sie lebten deshalb nicht nur angepaßt in diesen Strukturen, sondern identifiztieren sich üblicherweise tatsächlich mit dieser Gesellschaft in einer Art "Mimesis" (Marcuse 1998, S. 39).

Durch die frühesten Erfahrung in einer derart orientierten Familie, das Antrainieren von rationalem Denken und der Unterdrückung von Gefühlen auch in der Schule und die selbstverständliche Hineinwachsen in die Zumutungen der langweiligen Arbeitsformen entwickelten sich jene Menschen, die dem "fordistischen" Re-Produktionstyp auch dadurch gut entsprechen, daß sie die Bedürfnisunterdrückung durch entsprechenden ablenkenden Konsum zu kompensieren versuchen. Man zeigte in der Wohnungseinrichtung, der Kleidung und mit dem Auto, was und wer man ist, weil man sein Einkommen auf Arbeit entsprechend seinem gewünschten Status erreicht und eingesetzt hatte. Wer diesem Muster nicht entsprechen konnte oder wollte, wurde sozial geächtet - auch dadurch blieb die "Eindimensionalität" (Marcuse) der Charaktere über lange Zeit recht stabil.

So negativ das einerseits aussieht, so schützend war jedoch die Sicherheit, die diese Lebensform gab, solange man ihr entsprach. Sie ermöglichte auch den sozial schlechter Gestellten eine Karriere, die bergauf zu gehen versprach. "Arm aber sauber und ordentlich" konnte jede/r sein, mußte es aber auch. Man hatte Teil am allgemeinen Fortschritt, der für sich selbst und die Gesellschaft Ziele am Horizont sah, denen es zuzustreben galt. Die großen "Entwicklungserzählungen" und -versprechungen strukturierten den Sinn des Lebens in Ost und West für die Einzelnen, die wie Pilger immer weiter zogen (Baumann 1998, S. 136).

Gegenüber früheren Lebensformen versprach diese Form neue Freiheiten, gewährte auch genügend Sicherheit zum Umsetzen von individuell gewählten Lebenszielen. Während meine Großeltern-Generation (geb. ab 1900) noch sehr stark in traditionellen Strukturen lebte und dachte (sie waren i.a. Landarbeiter ohne eigenständige Berufs- und Lebenszielfindung), konnten meine Eltern unter einer breiten Palette von Berufen wählen. Ihr Lebenssinn war im Sozialismus dadurch "vordefiniert", daß sie für den weltweiten Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus zu kämpfen hatten. Aber das ließ genug Freiraum für eigene Ziele (Diplom, Arbeitszufriedenheit) und sich gleichzeitig eingebunden zu fühlen in einen großen geschichtlichen Strom des Fortschritts.

Tatsächlich unterschieden sich in dieser Art Modernität die sozialistischen Staaten nicht von den westlich-kapitalistischen. Weltweit wurde dieses Lebensmodell über lange Zeit hinweg auch von sich alternativ definierenden Entwicklungshelfern in die "Entwicklungsländer" exportiert.

Aufbrüche

Mich selbst (geb. 1961) prägten durchaus genau diese modernen Formen der Sozialisation. Mich erschreckte als junges Mädchen eher, daß viele der Gleichaltrigen durchaus nicht über den Sinn ihres Lebens nachdenken wollten und statt dessen in den Tag hinein lebten. Sie alle wurden jedoch vom Strom des normalen modernen Lebens "eingefangen", erlernten irgendeinen Beruf, gingen selbstverständlich, aber oft recht lieblos zur Arbeit; frühe Ehen und Kinder führten dann zu Routine innerhalb altgewohnter Bahnen.

Auf Grundlage gesicherter Lebensverhältnisse konnte ich selbst eigentlich erstmals ein Ziel ins Auge fassen, das nicht unmittelbar mit Notwendigkeiten zu tun hat. Dieses Ziel, Astronomin werden zu wollen, hat mich auch über die ersten Scheidewege gebracht, bei denen alternative Wege in die üblichen Karrieren geführt hätten. Trotzdem war das Ziel nicht so starr, daß ich es nicht verändert hätte, als am Horizont noch interessante Wege auftauchten. Das einzigste, was ich scheute, war, daß "hinten irgendwo Türen zugehen", daß eventuell mögliche Entwicklungswege durch irgendwelche Festlegungen im Heute versperrt würden. Es war jetzt recht interessant für mich, genau dieses "Nicht-festgelegt-werden-Wollen" als typisch postmoderne Lebenshaltung festgehalten zu lesen.

Jetzt bedauere ich zwar einerseits die durch die politische "Wende" verlorengegangene Möglichkeit, an einer Uni richtig als Philosophin arbeiten zu können - gleichzeitig aber habe ich festgestellt, daß ich meine prekären Jobs (ABM, Umschulung, unterbrochen durch Erwerbslosigkeit, jetzt befristete Jobs verschiedener Art), gar nicht mehr durch eine lebenslange Anstellung in irgendeinem Büro eintauschen will! (Allerdings wäre es wichtig, daß die grundlegenden Lebensbedingungen gesichert sind und die ständig vor Augen stehende Gefahr des Abrutschens ins finanzielle Aus mich nicht mehr bedrängt.)

Heute haben sich die Arbeitsbedingungen tatsächlich so geändert, daß ein Mensch in 40 Arbeitsjahren 11 Stellenwechsel zu erwarten hat und ein dreimaliger Austausch der Kenntnisbasis notwendig ist (Sennett 1998, S. 25).

Verbunden damit ist ein Aufbrechen sozialer Paradigmen.

Die sog. Postmoderne als Tendenz der sozialen Bewegung weg von den Lebensformen und Institutionen der Moderne hin zu einem neuen Typ sozialer Organisation bricht die bisherige Eindimensionalität auf.

Vielfarbige Schmetterlinge entpuppen sich - bunte, grüne, zu viele braune - kaum rote...

Die Pilger verlieren das Ziel...

Das Sich-Treiben-lassen durch 11 Arbeitsstellen kann keine sinnerfüllende und zielsuchende Pilgerreise mehr sein. Nicht mehr nur kurze Etappen und Abschnitte des Lebens sind durch Ungewißheit gekennzeichnet, sondern das Ungewisse prägt die Normalität.

Dies erspart das Festlegen auf Ziele, ermöglicht aber auch keine Freude über errungene Fortschritte. Während früher die Identität wesentlich durch die Lebensbahn definiert wurde, geht jetzt die innere Sicherheit des Selbst verloren (vgl. Sennett 1998, S. 22). Dies hat die Tendenz, Charaktere zu zerstören und ihre Bildung zu verunmöglichen (ebenda, S. 38). Daß sich der einzelne Mensch dabei pluralisiert und zum Besitzer mehrerer Persönlichkeiten wird, erkannte bereits frühzeitig der Management-Guru Gerken als Folge der entstehenden "Multi-Optionsgesellschaft" (Gerken, S.314). Verbunden damit ist eine Fragmentierung der Märkte und die Auflösung der Zielgruppen.

Degerulierung, Desintegration, Zerrissenheit und allgemeine Anomie prägen das Leben und fördern die "Bejahung der Chaostheorie als geeignete Geisteshaltung, um die Welt neu zu strukturieren" (Sana, S. 17). "Eine neue Freundschaft mit Chaos und Turbulenz wird geschlossen. Und ein anderes Verhältnis zur Ordnung entsteht" (Gerken, S. 157).

Verbunden damit lösen sich Disziplin-Werte auf und die Selbstentfaltung wird immer wichtiger. Da die Flexibilisierung und Entwurzelung allerdings i.a. nicht selbstbestimmt erfolgt (sondern "wo gibtís Jobs"), entstehen durch Angst, Ungewißtheit und durch neue Unterwerfungen neue Charakterverformungen und -verluste.

Was ursprünglich wieder aus Befreiung aus eindimensionalen Karrieren begann, wurde schnell wieder marktförmig vernutzt. Die sich ausprägenden Lebensstile als Verhaltenskonzepte in Verbindung mit Szenen werden dabei immer mehr entpolitisiert (Gerken S. 72).

"Was als freier Wille erscheint, ist bloß der Zwang zur immanenten Wahl. Was als persönlicher Lebensstil auftritt, entpuppt sich schnell als Resultat der Vermassung." (Ebermann, Trampert S. 136)

Wenn Freiheit ist das Vermögen und die Möglichkeit ist, eine objektiv gegebene Situation zu überschreiten, bis die Situation der Intention gemäß geworden ist (Bloch, 1985, S. 261), so haben wir durch die Abwertung der Ziele viel verloren.

  

"Aber mitten in der erreichten Freiheit nahm Harry plötzlich wahr, daß seine Freiheit ein Tod war." (Hermann Hesse)

 

"Unter der Herrschaft eines repressiven Ganzen läßt Freiheit sich in ein mächtiges Herrschaftsinstrument verwandeln. Der Spielraum, in dem das Individuum seine Auswahl treffen kann, ist für die Bestimmung des Grades menschlicher Freiheit nicht entscheidend, sondern was gewählt werden kann und was vom Individuum gewählt wird. " (Marcuse 1998, S. 27)

 

Tatsächlich, mir nützt die Freiheit wenig, mir die Haare grün färben zu können. Das fasziniert vielleicht jene, die damit noch gegen die frühere Eindimensionalität opponieren wollen. Vielleicht ist es heute schon wieder befreiend, sich diesem Druck zur Nicht-Bindung und dem zwanghaften "Anders-Sein-Müssen" widersetzen zu können...

 

Die "Möglichkeitsgesellschaft" zwingt zur Entscheidung. Dadurch werden vielleicht manche strukturell verankerten Konflikte überhaupt erst bewußt und wir erkennen die "Distanz zwischen Ich und zugemuteter Frau... und zugemutetem Mann" (Beck, S. 175).

 

Die verschiedenen postmodernen Lebensformen lassen sich bereits wieder typisieren (Baumann 1998):

Die noch vor-post-modernen Pilger ziehen weiterhin zielgerichtet in Richtung verblassender Utopien. Allerdings wird immer deutlicher:

"Die beständige Arbeit daran, in der Wüste Spuren zu hinterlassen, stellt sich nun als womöglich völlig vergeblich dar." (Schuh 1998).

Als Folge wird Gebundenheit und Festlegung vermieden. Ich "bin weder unwiderruflich geschlagen noch an ein Projekt gebunden" (ebenda).

Daraus entsteht die Lebenshaltung des Spaziergängers/Flaneurs, der innerhalb der Menschenmenge an anderen vorbeigeht, ohne selbst Teil der Masse zu sein (S. 150) oder eines unabhängigen, ziellosen und nicht-zugehörigen Vagabunden oder eines Touristen, der sein noch vorhandenes Zuhause verläßt, um an Orten Erfahrungen zu sammeln, zu denen er nicht gehört. Dem Spieler ist letztlich alles gleich-gültig geworden.

 

Wenn ich allerdings genauer darüber nachdenke, finde ich mich hier nicht wieder...

Tatsächlich soll ja im Zuge dieser Aufbrüche in das Post-Moderne auch das Selbst verlorengegangen sein. Bisher war das "Ich" durchaus abhängig von der Bindung an Gemeinschaften. "Der Mensch, der eine Identität besitzt, ist immer Mitglied einer größeren Gemeinschaft, einer größeren gesellschaftlichen Gruppe als jener, in der er sich unmittelbar und direkt befindet oder zu der er unmittelbar und direkt gehört" (Meads, zit. nach Sana, S. 282).

 

Da im realen Leben und der herrschenden Ideologie alle Bindungen locker und gleich-gültig geworden sind, wechseln wir unsere Personenmasken i.a. je nach Umgebung und Situation. "Keiner ist nur noch einer. Jeder ist mehrere. Das schüchtert sie selbst ein, solange sie isoliert sind" (Kahl, 1998).

 

So sehr dies eine Befreiung von früheren einseitigen Maskierungen ist und das Spiel mit den Masken auch Spaß machen kann, lassen sich die Bedürfnisse nach tieferen sozialen Kontakten nicht immer verdrängen. Aufgrund fehlender ausgeprägter Identität aus der bisherigen Lebensgeschichte fällt es schwer, selbst Gemeinschaften aufzubauen, bzw. eine für sich selbst geeignete zu wählen - auch Gemeinschaftlichkeit wird beliebig, oberflächlich - oder führt gar in heile Schein-Welten von Sekten und rechtsorientierten Gruppen. Wie regressiv die Suche und Neuorientierung oft wird und welche Leitbilder vorherrschend sind, zeigen auf erschreckende Weise die typischen Scienc-Fiction-Motive wie in der AkteX-Serie und der flächendeckend gepredigte Mystizismus (vgl. Piras 1997).

 

Auch neue künstlerische Ausbrüche werden nach wie vor von den Grundstrukturen der Gesellschaft absorbiert: "Die absorbierende Macht der Gesellschaft höhlt ihre künstlerische Dimension aus, indem sie sich ihre antagonistischen Inhalte angleicht" (Marcuse S. 81).

 

Cyberkultur

Die sich entwickelnde Cyber-Kultur (Leary 1997) unterliegt ebenfalls dieser Integration. Sie ist zwar "ketzerischer Nonkonformismus", ignoriert aber die realen Machtverhältnisse und materielle Grenzen völlig. Vielleicht kann sie aber gerade dadurch auch zu starre Gedankenbarrieren durchbrechen...

 

Schon die Einführung des gelesenen Textes ins Geistesleben brachte zwei Tendenzen hervor: einerseits ist das Lesen gegenüber den früheren Gesprächen ein "anti-sozialer Akt" (Postman 1995, S. 38) - andererseits ermöglicht es eine tiefergehende individuelle Bildung.

 

Heute führen die modernen Informations- und Kommunikationstechniken zur Gefahr der unkritischen Informationsüberflutung - ermöglichen aber auch die Vernetzung der individuellen Kreativität mit anderen. Die Texte werden als elektronische Informationen wieder flüssiger und beweglicher, die neue Bilderorientierung ermöglicht eine neue Art von Integration und Ganzheit (Göttner-Abendroth 1988, S. 108). Die Informationsfülle und Gefahr der Falsch- und Fehlinformationen erzwingt geradezu einen bewußten Umgang mit der Information, auch wenn das noch eingeübt sein will.

 

Wenn wir einmal die Aufhebung des Monopols der Klöster auf Wissen durch den Buchdruck als Vergleich heranziehen, sollte es nicht wundern, wenn auch das Akademie- und Universitätsmonopol letztlich durch das im Web kreisende Wissensnetz abgelöst werden kann und zumindest jetzt schon ergänzt wird.

 

Es gibt allerdings auch negative Tendenzen, die ich nicht verschweigen möchte. Leider hält das Internet viele Menschen tatsächlich eher davon ab, mit ihren Familienmitgliedern und Freunden zu sprechen. Ihre Freundeskreise schmelzen dahin und Depressionen und Einsamkeitsgefühle nehmen zu. "Der entscheidende Punkt sei aber nicht, was man im Internet vorfindet, sondern was dafür im wirklichen Leben an sozialen Kontakten und Interaktionen aufgegeben wird. Diesbezüglich scheint es, daß die Leichtigkeit, mit der im Internet Kontakte gemacht werden können, dazu verführt, vom "socializing" im echten Leben abzusehen, da dieses mit viel mehr Schwierigkeiten verbunden sei" (Medosch 1998). Die neuen Gegenkulturformen, z.B. in E-Zines im Internet sind zu oft auch gekennzeichnet vom Rückzug auf die eigene Persönlichkeit, Selbstgenügsamkeit, Narzismus, einem Ausbauen der Nischen (O`Neil 1998, S. 22).

 

Generation X

Während ich selbst noch völlig zwischen der Moderne und der Postmoderne schwebe, wird inzwischen eine fast völlig außerhalb moderner Sozialisation geprägte Generation gesellschaftlich wirksam.

Bei der Erforschung dieser Jugend machen traditionell-moderne Beobachter den Fehler, ihre Erwartungen auf eine letztlich doch eindeutige Identifikation dieser Jugendgeneration auf eine Jugend zu projizieren, die ihre "ihre Relevanz gerade durch den beständigen Wandel erhält" (Kursbuch JugendKultur 1998).

 

Eine ausführliche Beschreibung der neuen "Generation X" gibt E. Meyer (1998):

"Gemeinsam ist der Generation X nach der deskriptiven Definition des gleichnamigen Romans von Douglas Coupland die Erfahrung, als erste Nachkriegsgeneration den Lebensstandard der Eltern nicht mehr steigern zu können. Statt gegen dieses Schicksal aufzubegehren werden die Protagonisten durch ein eigentümliches Einverständnis mit ihrer Situation charakterisiert, in der sie sich durch schlechtbezahlte Teilzeitjobs ihren Lebensunterhalt verdienen. Einen ähnlichen Typus entwirft Richard Linklater in seinem Film "Slacker". Überqualifiziert und unterbeschäftigt vertreiben sich seine Darsteller die Zeit mit Dialogen, deren Ironie und Zynismus ihre Exklusion vom amerikanischen Traum reflektiert. Den Soundtrack zu dieser "verlorenen" Generation liefert vor allem die Rock-Band "Nirvana", die mit einer Reihe weiterer Bands aus Seattle auch einen jugendkulturellen Stil prägt: Grunge. Abgeleitet von "grungy" (schmutzig, ungewaschen, stinkend) repräsentiert die rauhe und bisweilen melancholische Musik sowie die dazugehörige (Anti-)Mode eine Abkehr von zentralen gesellschaftlichen Werten."

 

Innerhalb der Jugendkulturen lassen sich wellenartige Prozesse erkennen (Leary):

Bis in die 50er Jahre hinein dominierten die traditionellen Werte der Industriegesellschaft. In den 60er Jahren (Babyboomkids in den USA) wuchsen die jungen Leute heran, die bereits nach neuen Prinzipien erzogen waren, sie verkörperten neue Werte (Love), Individualität und waren recht respektlos gegenüber den früheren Werten. In den 70ern setzten sich die ökonomischen Realitäten (Rezssion) recht hart durch und förderten individuelles Unternehmertum und individuelles Verarbeiten von Problemen. Während der weiteren politischen Verhärtung in den 80er Jahren (Reagan) reagierten die Cyperpunks zornig, zynisch und pessimistisch. An dieser Stelle wäre die oben zitierte Generation X zu lokalisieren. Inzwischen ist aber wieder ein Jahrzehnt vergangen. Die jungen Leute sind mit dem Wissen der ökologischen Gefahr aufgewachsen - sie haben gelernt, es zu verdrängen (d.h. zu überleben) und trotzdem nicht ganz den Lebensmut zu verlieren. Der nimmermüde Optimist Leary kennzeichnet die kommende 90er "Cybergeneration" als ökologisch orientierte, global agierende Chaosdesigner. Auch andere Meinungen aus der "Innenansicht" bestätigen diese eher optimistische Sicht:

"Aber die Genereration X hat mehr drauf, z.B. den absolut lebensbejahenden und lustvollen Technorave." (Cropp 1998, S. 16).

 

Trotz der Gefahr, daß auch diese Gegenkultur konsumierbar gemacht wird und sogar für die Sponsoren der Love-Parade-Trend schon vor 1997 out war, weil ihnen die Bewegung "zu kommerziell" geworden sei (Hornig, Salz 1997) und viele Fans der "pupertären Abzockerei" den Rücken zudrehen (zit. in Kuhlbrodt 1997), vergehen solche Erlebnisse in den Menschen niemals spurlos.

 

Wenn auch die Jugendlichen nach ihrer Technonacht brav zum Job fahren und sie nicht gerade dem alten Bild von Revolution entsprechen, so zeigt gerade dies auch das Neue:

"Brav ist das nicht! Die Jugend ist sogar immer weniger brav. Wär sie wenigstens wie die rebellische Studentengeneration, dann könnte man mit ihnen reden - so hätten es gern die inzwischen Eltern gewordenen ehemaligen Rebellen" (Cropp 1998, S. 42).

 

Janusköpfig...

 ... sind die aktuellen Prozesse, was eigentlich nichts Neues ist.

Die Opposition gegen die Totalität der kapitalistischen Verdinglichung (was zum "eindimensionalen Menschen" geführt hatte) führte ihrerseits teilweise zum Extrem der Desintegration sozialer Beziehungen. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten für Freizeit, Bildung und Neuformierung produktiver Kräfte. Daß diese Möglichkeiten innerhalb der vorherrschenden kulturellen und politökonomischen "Attraktoren" erst einmal eher mißbraucht als emanzipativ und ökologisch genutzt werden, ist auch nichts Unerwartetes. Integration in Profitmacherei (Konsum), Ablenkung von gesellschaftlicher und ökologischer Verantwortung ist ebenso Tatsache wie die irreversible Erfahrung von jeweils anderen Möglichkeiten.

 

Gerade durch den Versuch der Integration in überlieferte und überlebte gesellschaftliche Strukturen werden Widersprüche geschärft. Die Forcierung des Konsumismus zur Kompensation unbefriedigter anderer sozialer Bedürfnisse und zur Umsatzsteigerung gerät in Konflikte mit der Ideologie des Sozialabbaus.

 

Leider entstehen aus diesen Konflikten erst einmal vorrangig Schutz- und Verteidigungskämpfe, die zuerst einmal berechtigt schon errungene soziale Schutzrechte wieder erringen müssen - aber leider zu oft auch überalterte Wertvorstellungen auch unter vielen Linken am Leben erhalten ("Wer nicht zumindest im Spargelfeld jobbt, hat kein Recht auf Geld...").

 

Was uns blühen kann

Weitere Tendenzen lassen aufmerken:

Parallel zu neuen staatlichen Regulierungen als Kompensation der sinkenden Integration durch die Arbeitswelt entstehen neue "Sicherheitsgemeinschaften" (privat bewachte Wohnquartiere, Ausgrenzung von nicht konformen Menschen durch Städte und Bahn AG...) (Jahn 1998).

Es ist auch nicht zu übersehen, daß eine "rechtsradikale Lifestyle-Guerilla" viele Schulen und Jugendclubs erobert (Elsässer 1998). Trotz der in dieser Beziehung glimpflich ausgegangenen ī98er Wahlen ist zu befürchten, daß diese Neue Rechte als soziale Bewegung die Alltagskultur in einem Kampf um Frisuren, Mode und Musik mehr und mehr infiltriert. Auch eine Radtour für die Menschenrechte im Sommer 1998 wurde von Rechtsradikalen bedroht, während ihr aus der Bevölkerung nur sehr wenig positive Resonanz entgegenschlug (Wutschke 1998).

 

Welche Faktoren stützen diese gefährlichen Tendenzen?

  • Der Nationalstaat verliert ökonomische Steuerungsfunktionen bzw. gibt sie auf und wird parallel dazu selbst politisch repressiver.
  • Es polarisieren sich mehr und mehr für die Kapitalverwertung überflüssige Menschen im In- und Ausland heraus.
  • Die erzwungene Flexibilisierung führt zu Abwehrmechanismen, die oft keine emanzipativen Lösungen suchen, sondern regressiv wirken.
  • Der Verlust der kulturellen Hegemonie der "westlichen" Werte beschwört die Ideologie des "Kampfs der Kulturen" hervor (der in dieser Weise gar nicht stattfindet) (Senghaas 1998).

 

Trotz alledem

Sogar wenn diese Gefahren immer mehr durchbrechen - wir können im Kampf dagegen auf Tendenzen zählen, die wir selbst mit verstärken können und müssen:

 

Mit dem Aufbrechen alter Identitäten und dem Bruch alter sozialer Paradigmen ist "Streben nach Autonomie, Wunsch nach individueller und kollektiver Eigeninitiative" (Lipietz 1989, S. 682) tendenziell verbunden.

 

Allgemeine Ergebnisse einer nicht gewöhnlichen Jugenstudie (Cropp 1998, S. 50f.) und Zukunftswerkstätten im "Projekt Utopie" (Cropp 1995, S. 168ff.) zeigen:

  • rationales Denken nimmt zu (Beurteilung des Lebens "zunehmend emotionslos und gnadenlos rational beurteilt")
  • Trotz Bewußtsein des Wohlstandsverlustes/verdrusses wird eine neue Lebensqualität abseits des materiellen Wohlstands gesucht
  • Selbstverwirklichung in einer toleranten Gesellschaft
  • Ausgangspunkt für Veränderungen ist die individuelle Entfaltung
  • verändertes Interesse am Politischen, das leicht als "unpolitisch" disqualifiziert wird

Beobachtungen beim Jugendumweltkongreß 1995/96 (Cropp 1996) ergänzen:

  • Ablehnung von Gruppenbindungen, im Individualismus wird die Quelle der Kreativität gesehen, trotz einigem Unbehagen wegen Alleinseins-Gefühlen;
  • Nachfragen bringt viele kluge Gedanken zu Freiheit, Verantwortung und offener Zukunftsgestaltung mit Abwehr von starren Ideologien.

 

Zu den pessimistischen Vorwürfen an die Jugend hat H. Cropp schöne Antworten:

"Der Egoismusvorwurf will sagen, die Jugend sollte doch bitte in die alten Strukturen der Fremdbestimmung durch Autoritäten zurückkehren.

Entpolitisierung heißt, daß die Herrschaften unbedingt junges Blut in ihren vergreisten Parteien brauchen, und daß die linken Grüppchen mangels Mitgliedern kurz vor ihrer Auflösung stehen.

Entsolidarisierung steht für das Unverständnis gegenüber einer neuen, selbstbestimmten Form von Anteilnahme...

Anspruchsdenken wird der Jugend vorgeworfen, dabei stehen längst andere Werte als Konsum und Karriere im Vordergrund....

Bindungslosigkeit ist eine Fehlwahrnehmung... dafür gewinnen die heutigen Bindungen an innerer Qualität, weil sie auf Freiwilligkeit beruhen.

Narzismus und Hedonismus wirft man denen vor, die von sich selbst überzeugt sind, und dazu haben sie vermutlich mehr Grund als jene, die ihre Chance gehabt und nicht genutzt haben" (Cropp 1998, S. 54f.).

 

Die folgenden Abbildungen zeigen Übersichten über aktuelle Trends:

  • in Tabellenform und

in einer Übersichtsgrafik:

Tendenz

negative Wertung

postitive Wertung

Marktvergesellschaftung

auch in menschlichen Beziehungen dominiert Marktcharakter

persönliche Unabhängigkeit

Ökonomisierung des Lebens, gleichzeitig Aufhebung der Grundlage der Zentrierung des Lebens um Arbeit

Zerstörung außerökonomischer Werte

Suchbewegung nach Neubestimmung der Lebenswerte initiiert

(ökonomische) Deregulierung, Desintegration

Orientierungslosigkeit, Neuintegration durch repressive staatliche Regulierungen

selbstbestimmte Beziehungen möglich

Opposition gegen Moderne

Zerstreuung möglicher Gegenkraft

neue Kreativität, neue Bedürfnisse

Informationsgesellschaft

apathische Informiertheit ohne Gefühl

neue Vernetzung von Kreativität möglich

Erlebnis- und Genußgesellschaft

Verdrängung der Selbstentfremdung

mögliches Aufbrechen realitätsüberschreitender Bedürfnisse

bisher systemkonforme Integration der fragmentierten Kulturbedürfnisse (Kommerzialisierung der neuen Trends)

Gestaltungsmöglichkeiten geringer als Ansprüche, ® Destruktivität als Ergebnis ungelebten Lebens (nach Fromm, Sana S. 150).

Aufbruch zu Neuem wird als notwendig empfunden

Individualisierung und Vervielfachung der Identitäten in einzelnen Personen

Gefahr der regressive Identitätssuche (im rechten Milieu)

Kreativität und Potenzen für neuartige Gemeinschaftlichkeit wachsen

Orientierungslosigkeit/ Absage an "große Erzählungen"

Abgleiten in regressive Irrationalität, Mystizismus

neuartige Verflechtung von individuellen Wünschen und kooeperativ-sozialer Gestaltung der Zukünfte


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