Zum Text "Das Verhältnis des Historischen zum Überhistorischen" von Matthias Schulz
Teil I: Inhalt-Form-Dialektik


 
Vorbemerkung: Anfang April sprachen wir in Berlin schon darüber, dass die Kategorien Form und Inhalt den von Matti gewünschten Inhalte nur ungenügend zu erfassen können. Trotzdem möchte ich etwas näher auf diese Begriffsbestimmungen eingehen, denn sie werden ja immer wieder verwendet und sie bieten auch ein gutes Beispiel, wie bestimmte Kategorien sich über ihre Beschränkungen hinweg weiter entwickeln lassen.
 
Form-Inhalt-Dialektik bei Matti
Materie-Form-Dialektik
Inhalt-Form-Dialektik
Der Grund als Einheit von Inhalt und Form
Literatur

 

Form-Inhalt-Dialektik bei Matti

Mattis Anliegen besteht darin, dass er die Triebkraft der Entwicklung von neuen Ansätzen ("Keimformen") im Bestehenden sucht. Die dialektische Denkweise nach Hegel scheint dazu besonders geeignet zu sein, denn die Hegelschen Kategorien treiben stets über ihre jeweils bereits erreichten Bestimmungen hinaus und geben so ein Modell für den Verlauf von Entwicklung.

Matti geht davon aus, dass sich Entwicklung, wie jede Bewegung, nur im Vergleich gegenüber einem einem relativ zum sich Bewegenden/Entwickelnden Unbewegten feststellen lässt. Oder anders formuliert: Etwas verändert sich. Damit wird der Aspekt der Veränderung und der Identität des "Etwas" vereint, was nur auf widersprüchliche Weise gelingt (vgl. die Zenonschen Aporien).

Matti versucht, diese Widersprüchlichkeit durch die Verwendung der Kategorien "Inhalt" und "Form" zu erfassen. Er legt sich dabei darauf fest, dass der Inhalt das Unveränderte sei ("Das Bleibende an Etwas ist was es ist, der Inhalt" (3)) und die Form sich demgegenüber verändert ("Entwicklung ist so im Übrigen als eine Veränderung der Form anzusehen, nicht des Inhalts." (4)).

Als (gleichbleibender) Inhalt wäre demnach "die menschliche Gesellschaft" (6), d.h. "das, was den gesellschaftlichen Menschen in seinem und die menschliche Gesellschaft in ihrem ganzen Umfange ausmacht" (5) zu betrachten, während die einzelnen Gesellschaftsformen Verwirklichungen dieses Inhalts darstellen ("Gesellschaft, die sich auf historisch besondere Weise realisiert" (6)).

Der "Trick" besteht nun darin, in gut dialektisch-spekulativer Weise davon auszugehen, dass eines Tages "das Historische und das Überhistorische zusammenfallen", wobei eine Epoche entsteht, "der der vollständig entfaltete gesellschaftliche Mensch zugrunde liegt.... Das ist Kommunismus." (7) Dem gegenüber erweist sich nun jede der (früheren) Verwirklichungen des Gesellschaftlichen (historische Gesellschaftsformation) als mangelhaft, im speziellen Fall als "entfremdet", und dieser Mangel gegenüber der Übereinstimmung von Inhalt und Form wirkt entwicklungsvorantreibend. Dieser Mangel offenbart gleichzeitig die Möglichkeit zu etwas Anderem, er zeigt das "In-Möglichkeit-Sein" jedes Zustands an.

Könnte es nicht trotzdem dazu kommen, dass auch ein mangelhafter Zustand als ewiger Zustand existiert? Hier müssen wir nun sehen, dass das "In-Möglichkeiten-Sein" nicht nur eine Leerstelle darstellt, sondern inhaltlich bestimmt ist. Mitten im Gegebenen, in ihrer Möglichkeit, steckt das "Noch-Nicht-Erreichte", also der qualitativ bestimmte mögliche (andere) Zustand. Die Negation des Gegebenen weist nicht ins beliebig-Leere (das würde durch eine nur "negative Dialektik" erfasst), sondern sie ist qualitativ bestimmt ("bestimmte Negation" der Hegelschen Dialektik). Für die von uns betrachtete Gesellschaft gilt deshalb: "Die menschliche Gesellschaft" ist in jeder ihrer besonderen Gesellschaftsformationen "auch immer in ihrem ganzen Umfange vorhanden" (6), d.h. "Es ist also Kommunistisches in aller Geschichte." (8).

In diesem 1. Teil meines ausschweifenden Kommentars soll es nur um die "Inhalt-Form-Dialektik" gehen: Die Weise, in der Matti das Überhistorische mit dem Inhalt, das Historische mit der Form gleichsetzt, ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht die ganze Wahrheit.

Zuerst führe ich einiges auf, was für diese, bzw. eine etwas veränderte Interpretation steht (weswegen sie nicht falsch ist): Bei Hegel findet sich beispielsweise die Bestimmung des Inhalts als "gegen die Form gleichgültige Identität" (WdL II: 94). Gemeint ist ein Form-Inhalt-Verhältnis, bei dem der Inhalt verschiedene Formen annehmen kann und jede Form im Inhalt ihren Grund hat.[1]

Materie-Form-Dialektik

Wenn Hegel das von Matti gemeinte Verhältnis von Überhistorischem und der Historischem meint, verwendet er andere Kategorien: er spricht vom Verhältnis von Materie und Form. So können wir beispielsweise unterscheiden zwischen der (abstrakten) Materie (an sich), die als überhistorisch (weil außerzeitlich) angesehen werden muss und den historisch sich entwickelnden daseienden Materieformen[2]. Materie ist bei Hegel das Andere der Form, formlos, d.h. abstrakt (WdL II: 88), das gegen die Form Gleichgültige (ebd.: 89) und Materie ist als gleichgültig Bestimmtes das Passive gegenüber der Form als Tätiges (ebd.).

Es wäre jedoch eigenartig, in der Dialektik nur solch einseitige Bestimmungen zu finden. So kann man nach Leibniz auch in der Materie nicht nur Passivität, sondern Aktivität finden: Materie kann der Möglichkeit nach viele verschiedene Formen annehmen (wäre noch passiv zu interpretieren), trägt aber auch die (aktive!)[3] Tendenz in sich, über ihren jeweiligen Zustand hinaus neue Formen zu bilden (nach Holz 1983: 60).

Bei Hegel ist der Argumentationsgang anders: Näher betrachtet, steckt auch Materie in der Form (weil auch "die Form die absolute Identität mit sich ist" (WdL II: 90)) und Form in der Materie ("weil die Materie in ihrer reinen Abstraktion oder absoluten Negativität die Form in ihr selbst hat" (ebd.)). In der Wechselbeziehung von Bestimmen (als Tätigkeit der Form) und des Bestimmtwerdens (der Materie durch die Form) zeigt sich ihre Einheit. Letztlich entstand die Differenzierung zwischen Materie und Form aus der vorangehenden Einheit, dem Wesen (als deren differenzierender Negation) und führt nun zur höheren Einheit (Negation der Negation), der formierten Materie, bzw. der materialisierten Form: dem Inhalt.
Während die "Materie" lediglich abstrakt als "das, was geformt werden kann" betrachtet wird, so wird sie, wenn sie eine Form erhalten hat, zum konkret bestimmten "Inhalt".
Materie Form
Erste unbestimmte Einheit:
"Die Materie ist ... die einfache unterschiedslose Identität, welche das Wesen ist, mit der Bestimmung, das Andere der Form zu sein." (WdL II: 88)
Nun Differenzierung der Materie in Materie und Form[4]:
"Die Materie ist ... die einfache unterschiedslose Identität..."
Das Wesen als Unbestimmtes, in seiner Bestimmung gleichgültig gegen sie. (WdL II, 85, 89)
Bestimmung an dem Wesen (WdL II: 85)
abstrakte Identität der aufgehobenen Formbestimmung (WdL II: 89) daseiende Realisierung
passiv (WdL II: 89) aktiv
Höhere Form der Einheit:
"Die Materie muß daher formiert werden, und die Form muß sich materialisieren..." (WdL II: 90)[5], d.h. ihre Einheit ist als Inhalt bestimmt.
Fakultativ, als Ergänzung für Freiwillige, notiere ich nun noch kurz die Materie-Form-Dialektik, wie sie bei Leibniz vorkommt, weil man sich die Leibnizschen Gedanken oft besser vorstellen kann als die Hegelschen und weil sie im dialektischen Denken deren Vorläufer sind (was Hegel nicht immer angemessen würdigte). Ich folge dabei der Darstellung und der Begrifflichkeit von Hans Heinz Holz.

Zu unterscheiden ist demnach ein materielles Daß-Sein und ein formhaftes So-Sein. Ersteres bezeichnet Holz (und Leibniz) mit Substanz, das zweite mit Struktur (diesen Begriff gibt es so bei Leibniz selbst nicht, er verwendet "substantielle Form"). Man muss noch wissen, dass Leibniz annimmt, dass es viele Substanzen gibt. Er nennt sie "Monaden" und bestimmt sie dadurch, dass sie jeweils "das Identisch-Eine der wechselnden Formbestimmungen, das materielle Substrat des Seienden" (Holz 1983: 73) sind.


(Abb. nach Pirch 2000)
Jede Monade spiegelt in sich (repräsentiert) die ganze Welt, d.h. alle wirklichen und möglichen wechselseitigen Bedingungen und Beziehungen, die innerweltlich Seiendes miteinander verbinden und es seinem Wesen nach bestimmen (Holz 1983: 19). Die einzelnen Monaden unterscheiden sich dadurch, dass sie diese Welt aus je besonderer Perspektive heraus spiegeln.
"Die Monade bezieht ihr Sein von der Welt, indem sie diese in sich aufnimmt, die Welt konstituiert sich als eine, indem sie sich in ihrer Mannigfaltigkeit in jeder einzelnen Monade spiegelt ...." (ebd.: 44)
Die Substanzen bleiben im Ablauf der Zeit identisch, sie sind die materielle Grundlage der Veränderung in der Struktur - die selbst der Inbegriff aller möglichen wechselseitigen Beziehungen ist (ebd.: 18, 39). Die Monaden als materielle Substanzen (Materie) sind die Seinsgrundlage der Struktur (Form), die Struktur (Form) ist das Ergebnis des materiellen Wirkens - während die Struktur (Form) das Materielle strukturiert (formt).
Einerseits erklärt sich dabei die individuelle Substanz (Materie) aus der Struktur (Form), andererseits existiert die Struktur nur, insofern sie sich in einer Substanz (Materie) niederschlägt, sie ist immer Struktur (Form) von etwas.
Die Materie ist sie aber nicht nur passiv, wie bei Hegel, sondern Leibniz nimmt den Gedanken der Autopoiesis[6] vorweg und begründet damit die aktive Rolle der Monaden: "Die Monade ist im dauernden Ablauf von Lageveränderungen vom Verlust der ihre Einheit konstituierenden Geordnetheit ihrer Bestimmungselemente bedroht. Sie erhält ihre Strukturiertheit, indem sie geregelt (das heißt aus zureichenden Gründen) von einer perceptio[7] zur anderen fortstrebt und diese nicht nur in einem ihr äußerlichen kontinuierlichen Ablauf hinnimmt, sondern sie durch ihre Selbstbewegtheit zur Einheit zusammenschließt. So ist die Spontaneität der Monade das Spiegelbild der Welt." (Holz 1983: 35-36)

Insofern könnten wir unsere Fragestellung in diesem Modell "übersetzen": die Substanz (die Monaden) wäre das Überhistorische, die Struktur das Historische. Aber die Substanz (Materie, Monade) steht nicht unbeeinflusst "über" der Struktur (Form), sondern sie ist stets eine Repräsentation der Struktur der ganzen Welt (repraesentatio mundi)[8] .

Wir haben hier eine interessante Fassung des Verhältnisses von Überhistorischem und Historischem: Dass die Monaden von je besonderer Stelle aus das Ganze repräsentieren, bleibt sich gleich - welche Beziehungen gerade verwirklicht sind, kann differieren. In den Monaden zeigt sich jeweils die Einheit des sich Verändernden. Das Sich-Verändernde ist nichts außerhalb des Identisch-Bleibenden, sondern seine innere Differenzierung.
"Nichts bleibt sich gleich; aber das Ganze, das die Einheit der vielen (oder die Vielen als Einheit) ist, ist damit der Unterschied selbst." (Holz 2005: 186).

Wir haben hier ein Wechselverhältnis von Substanz (Materie) und Struktur (Form), bei dem jede Substanz (Materie, Monade) die gesamte Struktur (Form) repräsentiert (ihre verwirklichten Beziehungen und die noch nicht verwirklichten Möglichkeiten) und die Struktur (Form) als Beziehungstotalität alles Seiende strukturiert. Strukturierte Substanz, substantielle Form - dies ist die Einheit, die Leibniz in der "Monade" vereinigt sieht.

Inhalt-Form-Dialektik

Wir haben bemerkt, dass der Hegel den Materiebegriff im Unterschied zu Leibniz als die gegen die Form gleichgültige abstrakte Identität bestimmt. Bei Leibniz ist die Materie nicht gleichgültig gegen die Form, sondern sie enthält das aktive Bestreben, bzw. die Tendenz nach Formierung. Leibnizens materielle Substanzen sind nicht nur abstrakt mit sich identisch, sondern sie unterscheiden sich qualitativ von allen anderen (durch ihre je besondere perspektivische Repräsentation der Beziehungstotalität, repraesentatio mundi) und erhalten damit eine innere Dialektik, die Hegel noch nicht der Materie, sondern dem Inhalt zuschreibt.

Hegel geht den oben beschriebenen Weg, aus der Differenzierung der Materie (als Wesen) in Materie und Form zur neuen Einheit, dem Inhalt zu kommen. Der Inhalt ist die formierte Materie, d.h. die Bestehen habende Form (WdL II: 93). Es entsteht hier wieder eine Differenz im Inhalt selbst, nämlich jene von Inhalt und Form.[9] Materie ist gegen ihre Form gleichgültig, der Inhalt jedoch ist "das, was er ist, nur dadurch [...], daß er die ausgebildete Form in sich enthält" (Enz. I 133 Z: 265). Das Form-Inhalt-Verhältnis kann in verschiedenen Ausprägungen existieren:

  • Für den Inhalt eines Buches ist es gleichgültig, ob es geschrieben oder gedruckt, in Papier oder Leder eingebunden ist - der Form ist dem Inhalt äußerlich (ebd.);
  • Ein Kunstwerk bedarf notwendigerweise seiner "rechten Form", ihm ist die Form nicht mehr äußerlich. "Wahrhafte Kunstwerke sind eben nur solche, deren Inhalt und Form sich als durchaus identisch erweisen." (ebd.: 266)
  • Das wissenschaftliche Denken nimmt den Inhalt als einen gegebenen von außen her auf, weswegen Form und Inhalt sich nicht vollständig durchdringen (ebd.);
  • In der Philosophie - nach Hegels Verständnis von wahrer Philosophie - fällt hingegen diese Trennung weg (ebd.).

Allerdings macht die Unterscheidung auch Sinn:
Mattis Interpretation des Inhalts als Überhistorischem und der Form als historisch wandelbar kann hier teilweise bestätigt werden. Insofern der Inhalt als das Übergreifende im Verhältnis von Inhalt und Form betrachtet wird, ist "der Inhalt [...] das Ganze und besteht aus den Teilen (der Form), dem Gegenteile seiner" (Enz. I 135: 267). Das (überhistorische) Ganze könnte beispielsweise die Materie "als reine Gedankenschöpfung und Abstraktion" (Engels DdN: 519) sein und seine historischen "Teile" sind demgegenüber die Materie-, bzw. Bewegungsformen (vgl. Engels 1873: 80).[10] Ebenso lässt sich der Arbeitsprozess als "bloßer Prozeß zwischen Mensch und Natur" von den "gesellschaftlichen Entwicklungsformen desselben" unterscheiden (Marx Kap. III: 891). Hans Heinz Holz unterscheidet in gleicher Weise die (abstrakt-allgemeine) Gattungsallgemeinheit und die (real-allgemeinen) ökonomische Gesellschaftsformation als Realisierung der Gattungseigenschaften in immer nur historischen Besonderungen (Holz 2005: 373).

Das Verhältnis von Inhalt und Form lässt sich jedoch auch in einer Sichtweise entfalten, bei der die Form übergreifend ist. Formen als allgemeine Prinzipien spezifizieren sich dann in unterschiedlichen Bereichen (ebd.: 525f.). Strukturalistische Ansichten verweisen beispielsweise nicht ganz unberechtigt darauf, dass einmal vorhandene Strukturen als Rahmen für die inhaltliche Gestaltung wirken. Obwohl der Inhalt die Form letztlich bestimmt, so wird auch im DDR-Philosophischen Wörterbuch festgehalten, dass die Form "im allgemeinen relativ stabil, langlebiger als der Inhalt" ist (Kröber, Warnke 1976: 411).[11]

Diese beiden wechselnden Sichtweisen zeigen an, dass die Inhalt-Form-Dialektik noch nicht ihre höhere Einheit gefunden hat, aus der heraus sich Inhalt und Form als ihre Momente erweisen. (Deshalb ist diese Sichtweise nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit). Sie verweisen auch darauf, dass alle in Form-Inhalt-Kategorien gedachten Zusammenhänge sich tiefer verstehen lassen, wenn wir der Abfolge der von Hegel daraus abgeleiteten Kategorien folgen.

Obwohl sich die Entfaltung der Kategorien in diesem Bereich der Wesenslogik in Hegels verschiedenen Darstellungen (Enzyklopädie I und Wissenschaft der Logik II) doch recht stark unterscheidet, gilt in beiden Darstellungen folgende Weiterführung:

Aus der Form-Inhalt-Dialektik entspringt das Verhältnis von Ganzen und Teilen (Enz.I, 135: 267; WdL II: 166) und schließlich (Enz. I, 135: 267 f.; WdL II: 172) von Kraft[12] und ihrer Äußerung ( 136; WdL II: 172).

Daraus entsteht die Entgegensetzung von Innerem und Äußerem (Enz. I, 137.; WdL II: 179), deren Einheit als Wirklichkeit bestimmt wird (Enz. I. 142: 279; WdL II: 182).

Das Wirkliche als "nicht bloß das unmittelbar Daseiende" (Enz. I. 143 Z: 283) enthält nun auch bei Hegel Möglichkeit und Zufälligkeit als seine Momente (Enz. I. 145: 284).[13]

Der Grund als Einheit von Inhalt und Form

Für unsere Fragestellung ist es nun besonders interessant, das Form-Inhalt-Verhältnis in seinem Zusammenhang zur Kategorie des Grundes zu betrachten. Hier unterscheiden sich die Darstellungen in der Enzyklopädie und der Wissenschaft der Logik. Der Grund ist eine Kategorie, mit welcher auf den Zusammenhang zwischen Wesen (als Grund der Existenz) und Erscheinung (als begründete Existenz) hingearbeitet wird. In der Enzyklopädie[14] führt Hegel den Grund ein als "in sich seiendes Wesen" (Enz. I, 121: 248), das aber nicht ruhig in sich beharrt, sondern sich von sich selbst abstößt, indem es zum Grund für sein Anderes wird. Die Existenz geht aus ihm hervor, während es beim In-Existenz-Treten aufgehoben wird (WdL II: 82). So wie die Erscheinung aus dem Wesen heraus scheint, ist das Existierende aus dem Grunde hervorgegangen. Das Wesen wird als Grund beim In-Existenz-Treten aufgehoben, und erscheint als Existierendes. In der Enzyklopädie entfaltet sich aus der Dialektik der Erscheinung nun die Materie-Form-Inhalt-Dialektik (Enz. I, 133; 264), die bis zum Übergang in die Kategorie Wirklichkeit weiter geführt wird.

Der Grund ist damit jene Kategorie, in der wir unser wechselseitiges Spielchen mit übergreifendem Inhalt bzw. übergreifender Form aufheben und eine neue Verständnisstufe erreichen können. Es ist der Grund, der in der Sache selbst das sie Vorantreibende erfasst. Bereits in frühen Schriften bestimmte Hegel den Grund als "ein Dasein, insofern es zugleich an sich ein anderes enthält" (NHS: 130).

Im weiteren Fortgang der Argumentation führt die Untersuchung der Dialektik des Grundes dann auch zur Rolle von Bedingungen bei dem "Hervorgang der Sache in die Existenz" (WdL II: 119): "Wenn alle Bedingungen einer Sache vorhanden sind, so tritt sie in die Existenz." (ebd.: 122). Damit haben wir eine Explikation von historischer Veränderlichkeit: Nichts bleibt, wie es ist..., insofern sich unablässig die Bedingungen verändern (vgl. Schlemm 1996).

Mit dem Grund haben wir eine Kategorie, die auf begriffslogische Weise ein tieferes Verständnis über die Quellen und Triebkräfte von Entwicklung erfasst als wir sie seins- oder wesenslogisch erreichen könnten. Eine rein seinslogische Betrachtung würde uns hilflos dem Strom der unbegriffenen Veränderungen in uns und um uns herum überlassen. Auf der Ebene des faktischen Geschehens wären reine Tatsachen zu registrieren und die Zukunft wäre insofern offen, als sie völlig unbestimmt bliebe. Die wesenslogische Reflexion verweist auf wechselseitige Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten. In ihrem Rahmen können wir jeweils differenzierte Teilmomente in ihrem wechselseitigen Aufeinanderwirken erkennen. Materie nimmt Formen an, Formen materialisieren. Es bleibt unbestimmt, ob eines der Momente das andere dominiert, das Wechselspiel kann immer wieder, in "schlechter Unendlichkeit"[15] ineinander umschlagen. Erst mit dem Grund erfassen wir den "Begriff der Sache, das Vernünftige darin" (PdR, VL 1821/22: 41, vgl. auch die entsprechenden Ausführungen in GPR 1ff.). Allerdings gibt es noch eine höhere Form von "Antrieb", nämlich den Zweck, der dann selbst als tätig bzw. hervorbringend angesehen werden kann (dazu Enz.I, 204: 359 ff.; WdL II: 436 ff. ).

Hier, beim Zweck, sind wir dann endgültig mitten in der uns interessierenden Fragestellung: Wie treibt das Bestehende über sich hinaus? Wie können wir diesen "Mechanismus" besser begreifen, um die dafür typischen logischen Zusammenhänge in unserer Realität aufzufinden bzw. zu realisieren? Der Zweck wird auch verstanden als "das konkrete Allgemeine, das in ihm selbst das Moment der Besonderheit und Äußerlichkeit hat, daher tätig und der Trieb ist, sich von sich selbst abzustoßen" (WdL II: 443).

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Philosophie des Zwecks ihren systematischen Platz erst nach der Untersuchung des Verhältnisses von Allgemeinem, Besonderen und Einzelnen im Rahmen der "subjektiven Begriffslogik" hat. Deshalb soll dieses Verhältnis im Mittelpunkt des Teils zwei meiner ausufernden Kommentare zu Mattis Text stehen.

Literatur

Engels, Friedrich (DdN): Dialektik der Natur. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke Band 20. Berlin: Dietz-Verlag 1972. 305-570.
Engels, Friedrich (1873): Engels an Marx in Manchester. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke Band 33. Berlin: Dietz-Verlag 1966. 80-81.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (Enz.I): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.1986.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (GPR): Grundlinien der Philosophie des Rechts. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (NHS): Nürnberger und Heidelberger Schriften. Werke in 20 Bänden; Band 4. Suhrkamp Verlag 1970.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (PdR, VL 1821/22): Die Philosophie des Rechts. Vorlesung im Wintersemester 1821/22. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (WdL II): Wissenschaft der Logik II. Auf d. Grdl. der Werke von 1832-1845 neu ed. Ausg. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. 1990.
Heinrichs, Johannes (1974): Die Logik der "Phänomenologie des Geistes". Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann.
Hörz, Herbert (1971): Materiestruktur. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften.
Holz, Hans Heinz (1983): Gottfried Wilhelm Leibniz. Leipzig: Reclam.
Holz, Hans Heinz (2005): Weltentwurf und Reflexion. Versuch einer Grundlegung der Dialektik. Stuttgart: Metzler.
Kröber, Günter; Warnke, Camilla (1876): Stichwort "Form". In:. Philosophisches Wörterbuch, Hrsg. Klaus, Georg, Buhr, Manfred, Leipzig: VEB Bibliographisches Institut. S. 409-412.
Marx, Karl (Kap. III): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Berlin: Dietz-Verlag 1989.
Pirch, Daniel (2000): http://www.geocities.com/dpirch (2007-05-01)
Schiller, Friedrich (ÄE): Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2000.
Schlemm, Annette (1996): Dass nichts bleibt, wie es ist... Philosophie der selbstorganisierten Entwicklung. Band I: Kosmos und Leben. Münster: LIT-Verlag.

Fußnoten:

[1] Das sind primär logische Verhältnisbestimmungen, deren Historisierung begründet werden müsste (das ist aber bei Hegel generell so, ich möchte nur hier explizit darauf aufmerksam machen).

[2] vgl. auch Engels: MEW 33: 80 und DdN: 513 f..

[3] "Weil je eine Form, die der Stoff austrägt, nie das zu erschöpfen vermag, was er zu sein vermöchte, darum bleibt der Stoff auch als geformter ein dynamei on, zur Umwandlung und Umformung bereit, mit möglicher Tendenz aufs Neue, Bessere, Vollkommenere." (Holz 1983: 74)

[4] Diese Differenzierung von Etwas in sich selbst und sein Anderes entspricht der logischen Figur des "Übergreifens". Wir werden im nächsten Teil Näheres darüber erfahren.

[5] Heinrichs (1974: 367) macht auf die Rolle einer adäquaten Sichtweise bei Friedrich Schiller aufmerksam, die Hegel stark beeinflusst haben dürfte: Schiller unterscheidet die Person eines Menschen, die unverändert bleibt und ihren zeitlich veränderlichen Zustand. Deren Zusammenhang bestimmt er folgendermaßen: "Seine Persönlichkeit, für sich allein und unabhängig von allem sinnlichen Stoffe betrachtet, ist bloß die Anlage zu einer möglichen unendlichen Äusserung; und solange er nicht anschaut und nicht empfindet, ist er noch weiter nichts als Form und leeres Vermögen. Seine Sinnlichkeit, für sich und abgesondert von aller Selbstthätigkeit des Geistes betrachtet, vermag weiter nichts, als daß sie ihn, der ohne sie bloß Form ist, zur Materie macht, aber keineswegs, daß sie die Materie mit ihm vereinigt. [...] Um also nicht bloß Welt [Welt = formloser Inhalt der Zeit, ebd.] zu seyn, muß er der Materie Form ertheilen,; um nicht bloß Form zu seyn, muß er der Anlage, die er in sich trägt, Wirklichkeit geben." ( Schiller ÄE: 45f.) Es ergibt sich daraus die Forderung, "alle seine Anlagen zur Erscheinung bringen" und "alles äußere formen" (ebd.: 46)

[6] Das Leibnizsche Modell ist letztlich umfassender als die systemtheoretische Autopoiesis-Sichtweise; letztere könnte gewinnen, wenn danach gefragt wird, welche Leibnizschen Gedanken sie bereichern könnten...

[7] perceptio: das Bewirktsein, Bestimmtsein durch die Welt (Holz 1983: 34) - woraus bei Leibniz unmittelbar das eigene Wirken (appetitus) entspringt.

[8] repraesentatio mundi: Gesamtheit aller Beziehungen, in denen die Monade ihre Weltverflochtenheit erfährt (Holz 1983: 42) Repräsentation bzw. Ausdrücken bedeutet: "Eine Sache drückt (nach meinem Sprachgebrauch) eine andere aus, wenn zwischen dem, was man von der einen, und dem, was man von der anderen aussagen kann, eine feste und regelmäßige Beziehung besteht. In diesem Sinne drückt eine perspektivische Projektion das in ihr projizierte geometrische Gebilde aus." (Leibniz an Arnauld, 9. Okt. 1687, Dt. von H. H. Holz, zit. in Holz 1983: 44, 79)

[9] Diese Differenzierung von Etwas in sich selbst und sein Anderes entspricht der logischen Figur des "Übergreifens.

[10] Nach Herbert Hörz sollte in dialektischem Sinne zwischen materiellen Objektarten und Beziehungsformen (Materiearten und -formen) unterschieden werden (Hörz 1971: 76).

[11] Die Struktur der übergreifenden Form gehört zur Materie-Form-Dialektik, während in der Inhalt-Form-Dialektik der Inhalt übergreift.

[12] Während Leibniz die Kraft und das Vermögen, neue Möglichkeiten zu verwirklichen direkt in die Materie legt, kommt Hegel erst über mehrere Zwischenstufen durchaus zur selben Konsequenz.

[13] Zu den Unterschieden in der Betrachtung der Möglichkeit bei Leibniz und Hegel wäre mehr zu sagen.

[14] In der Wissenschaft der Logik wird die Kategorie des Grundes weitaus stärker differenziert und die Form-Inhalt-Dialektik erhält eine überleitende Rolle innerhalb der Entfaltung der Kategorie des Grundes selbst. Erst mit einem bestimmten Inhalt wird der Grund zum "bestimmten Grund" (WdL II: 96) und erst als solcher wird er zum Grund der Existenz (ebd.: 119).

[15] "Man hat mit Recht die Unendlichkeit unter dem Bilde eines Kreises vorgestellt, denn die gerade Linie geht hinaus und immer weiter hinaus und bezeichnet die bloß negative, schlechte Unendlichkeit, die nicht wie die wahre eine Rückkehr in sich selbst hat." (Hegel GPR: 74).


 


 

 
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