Systemische Sicht

 
Wenn Individuen kommunizieren, besteht immer eine mindestens zweipolige Beziehung, bei der wir auch noch wissen, dass gleichzeitig mehrere Aspekte im Inhalt der Kommunikation zu berücksichtigen sind. Wenigstens zwei Elemente und deren Beziehungen bilden bereits ein System.

Kommunikation mit Feedbackschleife
(Bild aus Schulz von Thun MR 1: 81)

Aus diesem Feedback können leicht Teufelskreise, und Doppelbindungen (double bind) entstehen.

Deshalb ist davon auszugehen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen eine große Bedeutung für das jeweilige Verhalten der einzelnen Person haben und letztlich auch für ihre Persönlichkeitsentwicklung (vor allem aus den Eltern-Kind-Beziehungen, vgl. Miller; siehe auch Stierlin 1971, 1974; Watzlawick 1988: 55).

Da eine der wichtigsten Beziehungsgeflechte für jeden Menschen die Familie ist, entwickelte sich vor allem die Familientherapie im Rahmen einer systemischen Psychologie. Hier wird davon ausgegangen, dass der Einzelne, dessen problematisches Verhalten zu Beginn thematisiert wurde, sich so verhält, um das Gleichtgewicht eines übergeordneten Ganzen, hier also der Familie, aufrecht zu erhalten. Der Einzelne ist dann zwar der "Symptomträger", aber nicht der Wurzelträger des Problems (vgl. Schulz von Thun 2006: 119).

"Das psychische Symptom z.B. eines Familienmitglieds wird als Mittel aufgefaßt, mit welchem dieser Symptomträger auf die Familie Einfluß nimmt. Es wird eine Änderung der Kommunikationsregeln in der Familie angestrebt, um den systemstabilisierenden Charakter des Symptoms entbehrlich zu machen." (Peters 2004: 302) Ein System wird hier auf folgende Weise definiert:

Ein System ist hierbei [] eine aus Elementen bestehende Einheit, die aus mehr als der bloßen Summe dieser Elemente zu verstehen ist. Es besteht ebenfalls aus der Beziehung dieser Elemente untereinander und zu anderen Systemen. Diese Wechselwirkungen sind nicht ausschließlich Ergebnis der Eigenschaften der Elemente, sondern ergeben sich auch aus der Beziehung der Elemente untereinander und können etwas Neues entwickeln, das nicht mehr auf die Eigenschaften der Elemente zurückzuführen ist.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Therapie)

Aus der systemischen Sicht ergeben sich mehrere Besonderheiten:

  • Es ist entlastend, nicht mehr auf eine Person als "Verursacher" von psychischen Problemen zu orientieren; eine Schuldfrage braucht nicht erhoben werden, wenn systemische Interaktionsmuster analysiert werden. Es gibt auch nicht mehr "eine Wahrheit", sondern verschiedene für die jeweiligen Personen gültige Deutungen.
    Es wird nicht gefragt "Warum?", sondern "Welche Wirkungen der Wirkung beeinflussen ihre eigene Ursache?" (nach Watzlawick 1988: 7) oder "Wozu dient es im System?" (ebd.: 106)
  • Systemische Zusammenhänge werden entschlüsselbar; sonst unerklärliches Verhalten Einzelner erfährt eine Erklärung. "Pathologisches wurde immer mehr als Ausdruck einer gestörten Kommunikation verstanden, eine rein individuelle Perspektive wurde zugunsten eines Systemverständnisses überwunden." (Weiss, Haertel-Weiss 1988: 16)
  • Die Perspektive der Vergangenheit, speziell frühkindliche Erfahrungen, werden hier außer acht gelassen. "Der Konflikt wurde nicht aus der Lebensgeschichte der Patienten, sondern als Ausdruck eines Beziehungsproblems [...] verstanden." (ebd.)
  • Überhaupt werden Persönlichkeitsmerkmale nicht als Merkmale der Individuen betrachtet, sondern lediglich in ihrer Funktion für das System - die Individuen könnten also quasi als austauschbar gelten.
Unter Berücksichtigung besonderer spezieller Sichtweisen (Konstruktivismus und Selbstorganisation) ergeben sich weitere Merkmale:
  • Das System besteht aus konstruktivistischer Sicht nicht direkt aus den beteiligten Personen, sondern aus den Deutungen/Interpretationen, die sie voneinander haben.
    "Beziehungen, die Inhalte unserer zwischenmenschlichen, pragmatischen Wirklichkeit, sind nicht im selben Sinne wirklich wie Objekte; sie haben Realität vielmehr nur in der Sicht der Partner, und selbst diese Realität wird von den Partner günstigenfalls nur mehr oder weniger geteilt." (Watzlawick 1988: 13)
  • Zu einem "System" gehören nicht nur die direkt beteiligten Personen, sondern auch andere, die das Verhalten der Beteiligten mitbestimmen.
  • In sich selbst organisierenden Systemen, als welche menschliche Beziehungssysteme immer aufzufassen sind, ist das Verhalten der Beteiligten und auch die Konstitution neuer ganzheitlicher Interaktionsmuster wenigstens in bestimmten Situationen grundsätzlich nicht voraussagbar und nicht direkt steuerbar. (siehe dazu vor allem Lenz, Osterhold und Ellebracht 2000: 20, 30ff.)

Eine systemische Therapie wird deshalb folgende Vorgehensweisen bevorzugen:

  • Die Therapie setzt nicht am Verhalten des Einzelnen an, sondern versucht die Interaktionsmuster insgesamt zu verändern. Dabei wird das als problematisch empfundene Verhalten des Symptomträgers als Hinweis darauf gedeutet, inwieweit sein Verhalten bisher das System stabilisiert, für das System funktional ist.
  • Statt auf persönliche "Eigenschaften" (die der Betroffene kaum ändern könnte) wird auf das "Verhalten" orientiert. Statt der Zuschreibung einer Charaktereigenschaft wird auf das Verhalten in der Beziehung geachtet. (vgl. Watzlawick 1988: 105)
  • Aus der konstruktivistischen Sichtweise heraus wird nicht nur darauf hingearbeitet, dass sich in der Realität etwas verändert, sondern vor allem die Sichtweise der Beteiligten soll sich ändern.
  • Das Wissen über selbsorganisative Prozesse orientiert die Therapie darauf, nur minimal zu intervenieren, dies aber möglichst an der richtigen Stelle (Weiss, Haertlin-Weiss 1988: 53). Ein komplexes Problem braucht oft keine komplexe Lösung, sondern geeignete Anstöße, damit das System wieder aus sich selbst heraus bewegungsfähig wird. Deshalb sind derartige Therapien meist "Kurzzeittherapien" und schon allein aus Kostengründen bevorzugt.
  • Es wird nicht unbedingt direkt Verhalten verändert, sondern neue Spielregeln eingeführt für das Verhalten im System ("Veränderungen 2. Ordnung", Watzlawick 1988: 36).
  • In systemischen Einzeltherapien wird zwar mit Individuen gearbeitet, aber aus der systemischen Sicht leiten sich bestimmte Methoden ab: Sichtweisen umdeuten helfen, die jeweilige Stärke im Symptom herausarbeiten, Distanz zum Symptom (Humor!) herstellen helfen, die im Patienten schon vorhandene Lösung hervorlocken, herausfragen; Umdeutungen über "Verschreibung des Verhaltens"... (Weiss, Haertlin-Weiss 1988)
  • (zu einzelnen speziellen Methoden siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Therapie und Watzlawick, Nardone 1999.)
Zur Methode des "Verschreibens der Symptome" sei ein längerer Abschnitt zitiert (aus Weiss, Haertlin-Weiss 1988: 125):

Symptomverschreibungen in allen Varianten laufen immer darauf hinaus, einem Patienten das zu verschreiben, was er als störend und vor allem als nicht beeinflußbar erlebt. Ein Patient mit einer Depression erlebt es vor allem als quälend, seine Symptome nicht beeinflussen zu können. Wenn eder Therapeut ihm nun verschreibt, sich in bestimmter Weise "depressiv" zu verhalten, so werden damit einige Implikationen gemacht:
  1. Die Symptomatik wird aufgewertet - vor allem, wenn eine vernünftige Begründung mitgeliefert wird. ("Sie sollten sich in der nächsten Zeit niedergeschlagen zeigen, weil Sie Ihrer Familie damit einen bestimmten Dienst erweisen.")
  2. Der Patient erlangt Kontrolle über sein Verhalten, das ihm bisher unkontrollierbar erschien. Die Kontrolle besteht nun darin, das Symptom bewußt zu zeigen.
  3. Die Verschreibung eines Symptoms erzeugt eine charakteristische "double-bind-Lage". Durch die Aufforderung, ein spontanes Verhalten bewußt nachzuvollziehen, ist das spontane Verhalten in seinem natürlichen Ablauf so gestört, daß es überhaupt nicht mehr so wie ursprünglich gezeigt werden kann.


Dass systemische Interaktionsmuster das Verhalten der beteiligten Personen stark beeinflussen, steht wohl außer Frage. Es ist auf jeden Fall wünschenswert, sich diese Mechanismen, die in die Begründungen des eigenen Verhaltens eingehen, bewusst zu machen.

Eine Verabsolutierung der systemischen Sichtweise birgt jedoch m.E. folgende Gefahren:

  • Es besteht die Gefahr, lediglich abstrakte Interaktionsmuster und "trickreiche" Interventionen, die dem Systemcharakter entsprechen, zu bedenken - dabei jedoch die Inhalte, um die im jeweiligen Beziehungssystem gestritten wird, außer Acht zu lassen. Dies entspricht dann einer "Vertreibung des Lebens" (Miller 1983: 260).
    Anders geht beispielsweise Ole Dreier in seiner Familienanalyse vor (Dreier 1980).
  • Da es nicht mehr um Persönlichkeitseigenschaften, sondern um Verhaltensweisen im System geht und nur die Funktionalität von Verhaltensweisen im System interessiert, werden die Individuen auswechselbar. Es wird dann auch nicht untersucht, wie Interaktionsmuster und Persönlichkeitsentwicklung sich miteinander verflechten - und wenn, dann nur in schematisch zuschreibbarer Weise.
    Das Problem dieser Betrachtungsweise liegt m.E. vor allem in der systematischen Ausblendung der Möglichkeitsbeziehung jedes Individuums gegenüber der Welt
  • Die systemische Sicht schaltet das Interesse an der individuellen Vergangenheit aus, aber gleichzeitig wissen wir gerade aus der systemischen Sicht auf die Familie, welch starke Rolle die Erfahrungen in der frühen Kindheit mit den Hauptbezugspersonen spielen.(Miller 1979,1980, speziell Miller 1983: 254). Diese Erfahrungen werden immer wieder "inszeniert" und nicht verarbeitet, wenn sie nur auf der Ebene systemischer Intervention "weggetrickst" werden. Diese Interventionen sind sogar noch eine Verstärkung der üblichen Manipulationen.
  • Die systemisch-therapeutische Intervention beruht zumeist darauf, dass "Einsicht [...] nicht notwendig ist" (Watzlawick 1988: 38), bzw. Einsicht würde ein Funktionieren der "Tricks" sogar verhindern. Damit wird eine wesentliche Qualität des Mensch-Seins, die bewusste Reflexion auf die eigenen Handlungsbegründungen, nicht genutzt bzw. sogar untergraben.
  • Die konstruktivistische Sichtweise führt in verabsolutierter Form zur üblichen Anpassungs-Therapie, bei der Menschen ihre Kritiken an den gesellschaftlichen Verhältnissen eher ausgetrieben werden soll (siehe auch die entspr. Kritik an "Utopien" durch Watzlawick 1988: 196ff.).
    "Wer seelisch leidet, leidet eben nicht an der "wirklichen" Wirklichkeit, sondern an seinem Bild der Wirklichkeit." (Watzlawick 1988: 170)
  • Mit der systemischen Betrachtungsweise wird berücksichtigt, dass das Verhalten jeder komplexen Einheit in systematischer Weise von seiner Umwelt und deren systemischen Zusammenhängen abhängt und das Ganze mehr als die Summe der Elemente darstellt. Für menschliche Beziehungen wird das Systemische hier jedoch auf Interaktionen und Kooperationen beschränkt, in die die Person eher unmittelbar eingebettet ist und die Bedeutung der historisch gegebenen (bzw. veränderbaren) Gesellschaftsform wird nicht erreicht bzw. ausgeblendet. (zum Unterschied Interaktion-Kooperation-Gesellschaft)
Mehr zum Zusammenhang Individuum - Beziehungssystem - Gesellschaft


Literatur:
Dreier, Ole (1980): Familiäres Sein und familiäres Bewußtsein. Therapeutische Analyse einer Arbeiterfamilie. Frankfurt, New York: Campus Verlag.
Lenz, Gerhard, Osterhold, Gisela, Ellebracht,Heiner: Erstarrte Beziehungen - heilendes Chaos. Einführung in die systemische Paartherapie und -beratung. Freiburg, Basel, Wien: Verlag Herder, 1995, Neuherausgabe 2000.
Miller, Alice (1979): Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983.
Miller, Alice (1980): Am Anfang war Erziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983.
Miller, Alice (1983): Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Peters, Uwe Henrik (2004): Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. München: Urban und Fischer.
Schulz von Thun, Friedemann (MR 1): Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1981). 2004.
Schulz von Thun, Friedemann (2006): Klarkommen mit sich selbst und anderen. Reinbek: Rowohlt.
Stierlin, Helm (1971): Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Eine Dynamik menschlicher Beziehungen . Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976.
Stierlin, Helm (1974): Eltern und Kinder. Das Drama von Trennung und Versöhnung im Jugendalter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978.
Watzlawik, Paul (1977): Die Möglichkeit des Andersseins. Zur Technik der therapeutischen Kommunikation. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Verlag Hans Huber 2002.
Watzlawik, Paul (1988): Münchhausens Zopf. Oder Psychotherapie und "Wirklichkeit". München, Zürich: Piper 2005.
Watzlawik, Paul; Nardone, Giorgio (Hg.): Kurzzeittherapie und Wirklichkeit. München, Zürich: Piper 1999.
Weiss, Thomas; Haertel-Weiss, Gabriele (1988): Familientherapie ohne Familie. Kurztherapien mit Einzelpatienten. München, Zürick: Piper 2003.

 
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