Karl Hermann Tjaden: Wahrscheinliches Entwicklungsmuster der Arbeit und des Mensch-Natur-Verhältnisses in klassengespaltenen Gesellschaften

"Nach der Etablierung einer neuen Produktionsweise bewährt sich die neue Weise der Mehrproduktabpressung zunächst als Mittel der Umsetzung zuvor mobilisierter und spezifischer Kräfte des produktiven Potentials dieses Territoriums in gesteigerte Produktivität gesellschaftlicher Arbeit.

Deren Fortgang führt zunehmend zu - durch die (in diesem Falle: antagonistische) Produktion selber bedingten - Schädigungen der verfügbaren Arbeitsvermögen und der verfügbaren Naturressourcen durch Übernutzung der beschäftigten Arbeitskräfte und gebrauchten Naturressourcen sowie durch Störungen der menschlichen Gesundheit und der natürlichen Umwelt. Die Ergiebigkeit des produktiven Potentials in seiner gesellschaftlich gegebenen Nutzungsweise, seine spezifische Produktivität, wird eingeschränkt.

Zugleich werden durch die Entwicklung der antagonistischen Produktion selbst Veränderungen ihres materiellen Substrats hervor[ger]ufen, die erhöhte Anforderungen zum Zwecke seiner Regeneration begründen: die Bevölkerung nimmt an Umfang zu, die menschlichen Bedürfnisse werden entwickelt, der Unterhaltsbedarf der Bevölkerung insgesamt wächst; der Naturhaushalt wird ausgedehnter genutzt, die Arten der Naturnutzung werden entwickelt, der Unterhaltsbedarf des Naturhaushalts insgesamt wird größer. Die steigenden Erfordernisse der Regeneration dieses Substrats, die durch gesellschaftliche Einwirkungen hervorgerufen werden, begründen einen entsprechenden Unterhaltsbedarf und damit wachsende Ansprüche an das gesellschaftliche Produkt zur Sicherung dieser Subsistenz.

Die Überwindung jener Produktivitätseinschränkungen und die Berücksichtigung dieser Regenerationserfordernisse erfordert zusätzliche Arbeit. Die Arbeit insgesamt ist aber auf die Steigerung der Produktion als Mehrprodukterzeugung gerichtet und zeichnet sich durch Beschränkung der Reproduktion auf das Notwendigste, insbesondere auf den Ersatz des Produktionsverbrauchs an Produktionsmitteln und eventuell (besonders im Kapitalismus) noch auf deren Entwicklung aus, wozu noch der jeweilige Grundverbrauch der Arbeitskräfte tritt. [] Sie kann diese zusätzlich erforderliche Arbeit nur in den Bahnen ihrer Produktionsweise aufbringen und dies auch nicht unbegrenzt. So wird das Mehrprodukt noch mehr gesteigert, aber mehr Luxus- und Sekuritätsbedarf der herrschenden Klasse befriedigt, und werden die Produktionsmittel erweitert, zugleich aber mehr Ersatzbedarfe für Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstände geschaffen und abgedeckt. Durch dieses wird der beanspruchte Teil des Potentials der Produktion überlastet, ohne daß genügend Arbeit für die Entwicklung und die Ersetzung von Arbeitsvermögen und Naturpotentialen verfügbar wäre: für Ausbildung und für Lebensunterhalt, für Entwicklungsarbeiten und Umstellungsmaßnahmen. Zugleich wird der belastete Teil des Substrats der Produktion geschädigt, ohne daß genügend Arbeit für die Erhaltung und Erneuerung der Bevölkerung und des Naturhaushalts vorgesehen wäre [].

Die Arbeit wird immer mehr und speist sich aus weniger ergiebig werdenden Quellen, das Arbeitsergebnis wird immer mühsamer erbracht und dient in geringer werdenden Anteilen dem Unterhalt von Mensch und Natur. Das Verhältnis des reproduktiven Produkts zum produktiven Volumen der Arbeit oder genauer: der wirklich nutzbaren Gebrauchswerte zum wirklich erbrachten Arbeitsaufwand sinkt. Diese Beschränkung der - in einer erweiterten Fassung dieses Begriffs - Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit (ihrer Effektivität) ist ökonomischer Ausdruck der wachsenden Probleme der Reproduktion der Reproduktionsweise, die um so größer werden, als ja (erstens) diese Gebrauchswertmenge einem weiter wachsenden Unterhaltsbedarf aus den Bedürfnissen der Bevölkerung und des Naturhaushalts gegenüber steht und (zweitens) dieser Arbeitsaufwand mit fortschreitenden Produktivitätseinschränkungen im Arbeitsvermögen und Naturpotential der Gesellschaft zu kämpfen hat. Die Aufhebung dieser Produktionsweise und Ersetzung durch deine effektivere Form steht geschichtlich auf der Tagesordnung, ist aber nicht gesetzmäßig garantiert." (Tjaden 1992: 123-125)


Tjaden, Karl Hermann (1992): Mensch-Gesellschaftsformation-Biosphäre. Über die gesellschaftliche Dialektik des Verhältnisses von Mensch und Natur. Marburg: Verlag Arbeit & Gesellschaft.


 

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