Eine andere Produktionswelt ist möglich
Befreiung von und in der Arbeit

1. Wovon wir leben

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistisch globalisierten Welt stoßen wir immer wieder darauf, dass eine wichtige Basis beinah aller Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse in der Art und Weise der Produktion zu sehen ist. Gerade im Bereich des Ökonomischen können wir uns der erzwungenen Kooperation kaum entziehen. Wir sind entweder gezwungen, uns selbst freiwillig unseren Ausbeuter zu suchen und mit ihm einen "freien" Arbeitsvertrag zu schließen, oder uns in diversen Anträgen z. B. für das Arbeitslosengeld II selbst zu entblößen und den Behörden auszuliefern.

So verschieden die konkrete Lebenssituation von uns sein mag − fast jede und jeder spürt inzwischen eine nachhaltige Verschärfung der Probleme. Wer noch arbeiten oder sich ausbilden lassen "darf", ist immer mehr von direkter Ausbeutung betroffen. Erkämpfte Standards wie Tariflöhne gehen verloren und dies nicht nur, weil die Gewerkschafter zu blöde sind. Jene, die mit ihren Entscheidungen über die Produktion entscheiden (weil sie Kapital besitzen), haben derzeit wesentlich bessere Karten. Ein Gewerkschafter berichtet: "In der Vertrautheit der Tarifrunde, hinter verschlossenen Türen, lassen die Arbeitgeber alle Masken fallen. Dort sagen sie ganz offen, dass sie das momentane Überangebot an Arbeitskräften nutzen wollen, um zehn Prozent Lohnkostenreduzierung durchzusetzen. Wir dürfen nur noch darüber verhandeln, wie wir diese zehn Prozent zusammen bekommen − und nicht mehr über die zehn Prozent selbst." (Wiesehügel 2005: 7)[1]

Weil aber auch unter diesen Bedingungen aus den Arbeitskräften nicht mehr genug Profit herauszuschlagen ist[2], gehen die Herrschenden im Kapitalismus mehr und mehr zu einer Plünderungswirtschaft (Robert Kurz) über. Weltweit werden ökologische Lebensgrundlagen privatisiert; Wasser, Land, die Gesundheit werden zu kapitalistischen Waren gemacht. Diese Ausplünderung macht wichtige Lebensgrundlagen zu Gewinn, aber durch diese Prozesse werden keine ökonomischen Reproduktionskreisläufe mehr in Gang gesetzt, wie es bei den früheren sog. "Langen Wellen"[3] der Wirtschaftsentwicklung, die jeweils auf neuen Techniken beruhten, der Fall war.

Die Ausplünderung betrifft nicht nur die Länder des Trikonts, sondern kommt auch zurück in die Kernländer des Kapitalismus. Auch die 1-Euro-Jobs beruhen auf dem Prinzip der Ausplünderung. Profitable Aufgaben werden ohne Rücksicht auf die Kosten privatisiert − vor allem im Bereich der infrastrukturellen Grundversorgung, mit denen die Menschen aufgrund ihrer biologischen Bedürfnisse erpressbar sind. Die nicht profitablen Aufgabenbereiche dagegen werden als "gemeinnützige" der Gesellschaft überlassen. Dies entspricht der alten Formel von der Privatisierung der Gewinne und der Vergesellschaftung der Kosten. Kapitalistische Produktion und die Beseitigung der gesellschaftlichen Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaft wird immer mehr als direkte Zwangsarbeit organisiert, der nicht zuletzt gerade die Jugendlichen auch zu "Erziehungszwecken" unterworfen werden sollen. In den USA werden seit dem Wegfall der Sozial- und Arbeitslosenhilfe monatlich 3 Gefängnisse neu eröffnet, die privat organisiert sind und in denen diejenigen, die sich nur noch auf Grundlage von Kleinkriminalität versorgen konnten, gezwungen werden, Sklavenarbeit zu leisten.[4]

Aufgrund dieser Tendenzen im Produktionsbereich verliert der Kapitalismus auch noch die letzten Potenzen, die im Bereich der Produktivkraftentwicklung einen Beitrag zur Produktivkraftentwicklung geleistet haben. Die Grundlage, auf der unsere Reproduktion erfolgt − wovon wir bisher leben − , ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch nicht mehr haltbar.

2. Worauf es ankommt

Dass nicht mehr Menschen diesen Tendenzen widerstehen, liegt stark an dem Fehlen einer Vorstellung, wie die Ökonomie auf andere Weise funktionieren könnte. Die Behauptung "Eine andere Welt ist möglich" ist noch ungenügend untersetzt mit realisierbaren Vorstellungen zu einer anderen Art und Weise der Produktion.

Sozialismus als Fehlschlag

Der Untergang des real gewesenen Sozialismus (als versuchte Vorstufe zum Kommunismus)[5] wird oft als Argument angeführt, dass es "anders doch nicht geht". Oft wird die Aufmerksamkeit bei der Kritik des Realsozialismus auf die fehlende Demokratie im politischen Bereich fokussiert. Natürlich hätte es hier Versuche einer stärkeren Demokratisierung geben können − grundlegend wäre jedoch die Frage nach der Selbstbestimmung in der ökonomischen Sphäre. Aber wie, bitte schön, sollten die Menschen in einem Kombinat mit 56 000 Mitarbeitern, wie dem Volkseigenen Betrieb Carl Zeiss Jena, wirklich demokratisch und selbstbestimmt ihre eigene Arbeit organisieren, wenn sie doch letztlich wie Schräubchen im Getriebe der miteinander verketteten Fließbänder zu funktionieren hatten? Was wäre denn geschehen, wenn sich eine politische und ökonomische Führung dazu entschlossen hätte, ihre Führungsrolle aufzugeben?[6] Eine Lockerung der Planung hätte unter den gegebenen Knappheitsbedingungen wohl doch sehr große Effektivitäts- und Produktivitätsverluste mit sich gebracht, was die Mangelversorgung (zumindest gegenüber dem ständigen Vergleich mit dem "Westniveau") eklatant verschärft hätte.[7]

Terror der zentralistischen Produktionsorganisation

Eine französische Philosophielehrerin, die Erfahrungen als Fabrikarbeiterin in Deutschland gesammelt hatte, stellte schon in den 30er Jahren enttäuscht fest, dass eine Produktion auf der Grundlage von fließbandmäßiger Organisation (die heute auch oft "tayloristisch" bzw. "fordistisch" genannt wird) kaum geeignet ist, Befreiung zu ermöglichen oder herbeizuführen: "Was die Arbeiterklasse angeht, so ist sie aufgrund ihrer Rolle als passives Produktionsinstrument kaum für die Bestimmung ihres eigenen Schicksals vorbereitet"[8] Simone Weil fragte deshalb nach einer "Organisation der Produktion, [...] die es erlaubt, ohne die vernichtende Unterdrückung von Geist und Körper auszukommen"[9]. Simone Weil schlug eine "progressive Dezentralisierung des gesellschaftlichen Lebens"[10] vor: "Könnte nicht eine in zahllose Kleinunternehmen aufgeteilte Industrie eine (zu Automatismus und Schematismus) umgekehrte Entwicklung der Werkzeugmaschinen und damit noch bewußtere und sinnvollere Arbeitsformen hervorrufen, als es die qualifizierteste Arbeit in den modernen Betrieben erfordert?"[11]

 

"Stellen wir uns endlich [...] einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben."[12]

 

Lange Zeit war Dezentralisierung jedoch mit einem Verlust an Produktivität und Effektivität verbunden. Gegenüber den tayloristischen Großfabriken und −kombinaten erreichen kleinteilig betriebene alternativ-ökonomische handwerkliche oder auch ökologische Betriebe nur eine geringere Arbeitsproduktivität. Das erfordert, entweder den Lebensstandard stark zu reduzieren oder viel mehr Arbeitszeit aufzuwenden − meistens beides. Natürlich spricht alleine die globale ökologische Gefährdung dafür, die die industrielle Massenproduktions-"Megamaschine"[13] auszuschalten. Aber diese Alternative ist rückwärtsgewandt und zu wenig attraktiv, als dass zu erwarten wäre, dass eine genügende Anzahl Menschen sich freiwillig und auf Dauer diesen Beschränkungen ausliefern würde. Und neue Unterdrückungsformen wollen wir nicht installieren. Immer wieder hat sich gezeigt, dass Menschen einen Gewinn an persönlicher Freiheit erwarten, dass jene möglichen Entwicklungspfade eingeschlagen werden, die qualitativ höhere Formen der Bedürfnisbefriedigung und Subjektivitätsentwicklung ermöglichen. Dies ist aber nur möglich, wenn die Arbeitsproduktivität nicht wieder sinkt, sondern wächst − aber auf anderen Wegen als den im Kapitalismus realisierten (und denen, die im real gewesenen Sozialismus versucht wurden). Gibt es Möglichkeiten dazu?

Wenn wir heute danach fragen, wie eine andere Produktionswelt möglich ist, müssen wir uns die aktuellsten Tendenzen in diesem Bereich anschauen und von ihnen ausgehen. Dabei werden wir sofort auf Bereiche stoßen, die wir in eine humane Zukunft nicht mitnehmen können, wie die Sweatshop[14]-Produktion, aus der wohl schon der größte Teil der von uns genutzten Produkte stammt. Wir werden auch auf unökologische Produktionsformen verzichten. Es hat sich erwiesen, dass es nicht nur darauf ankommt, die Produktionsmittel aus den Händen der Kapitalisten zu enteignen und "dem Volk" zu übereignen, sondern auch die Produktionsmittel selbst können nicht mehr in den früheren, unökologischen und inhumanen Formen einfach weiter betrieben werden. Unsere Kleidung wird nicht von "volkseigenen" Fabrikationsanlagen in Südostasien billig an uns geliefert werden; wir wären ökologisch verantwortungslos, wenn wir die verschiedenen Joghurts weiter in ganz Europa hin- und herkarren würden. Allerdings ist angesichts der hohen Bevölkerungsdichte auch nicht daran zu denken, dass es ausreichen würde, wenn wir uns überall in Ökodörfer und kleine Handwerkerstädte zurückziehen würden[15]. Wir müssen andere Formen der Produktion finden. Die ökologische Nachhaltigkeit muss gesichert werden. Die Arbeit soll selbstbestimmt und selbstorganisiert stattfinden. Auch wenn dadurch die strikte Trennung von Job und Freizeit schon einigermaßen aufgehoben wird, sollte die für das Notwendige aufzubringende Arbeitszeit doch weiter minimiert werden. Sind dies nur unverwirklichbare Visionen, oder können daraus konkrete Utopien werden, die an bereits vorhandenen Möglichkeiten ansetzen?

3. Worauf wir bauen können

Die kapitalistische Ökonomie im neuen Jahrtausend geht immer mehr zu direkter Ausplünderung auf allen Gebieten über statt ihre Entwicklungspotentiale aus wissenschaftlich-technischen Innovationen zu schöpfen. Aber auch in der industriellen Produktion hat sich einiges verändert. Sie beruht nicht mehr nur auf der oben erwähnten tayloristischen Fließbandproduktion, die viele fleißige und monotone Handgriffe (und damit Menschen) braucht. Einerseits wurden Techniken und Organisationsformen entwickelt, mit der immer weniger Menschen immer mehr Produkte in geringerer Zeit herstellen. Aber auch andere Veränderungen sind wichtig: Die modernsten Produktionsprozesse sind nicht mehr zentralistisch-fließbandartig organisiert, sondern beruhen stärker auf dezentral-vernetzten Strukturen mit flexiblen und modulartigen Produktionsmitteln.[16] Besonders in linken Gewerkschaftskreisen werden i.a. nur die negativen Folgen dieser Veränderungen angeprangert − gleichzeitig wird aus dem Blick verloren, welche enormen Möglichkeiten in einem geeigneten Umbau solcher technologischen Potentiale für uns schlummern. Gerade weil sie uns so viele Möglichkeiten bieten, ist ihre kapitalistische Anwendung umso ärgerlicher: "Wir sehen, daß die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern läßt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not." (Marx 1965: 3)[17]

Das macht die Maschinerie, auch in ihren modernsten Formen, nicht zu den Schuldigen an der Misere, sondern wir sind herausgefordert, uns zu überlegen, was wir mit ihrer Unterstützung machen können. Wenn wir dann eine Ahnung davon haben, wie schön die Welt auch mit ihrer Hilfe sein könnte, wächst Motivation für den Widerstand gegen den Missbrauch dieser Möglichkeiten. Es sollte uns nicht immer nur darum gehen, wie wir schon erzeugte Produkte gerechter verteilen oder gar "umsonst" bekommen können[18], sondern auch den Produktionsprozess sollten wir selbst in unsere Hände bekommen wollen. Das bedeutet aber, sich genauer damit zu beschäftigen. Also beginnen wir mit einer genaueren Betrachtung der Möglichkeiten:

Die modernen Produktionsformen werden im Unterschied zum schon genannten "Taylorismus" (bzw. "Fordismus") auch "Toyotismus" genannt, weil sie in den 90er Jahren in Japan besonders forciert worden waren. Der Clou dabei ist dabei weniger, dass die Maschinen mehr und mehr Menschen im Arbeitsprozess ersetzen (und zu "überflüssigen" Erwerbslosen machen), sondern "in Japan ist das Ziel die Menschen auszulasten, nicht wie bei Ihnen die Maschinen", wie ein Miterfinder des Toyotismus sagte.[19] Im Mittelpunkt steht also nach wie vor der Mensch − als ausbeutbares Wesen. Die genannte Auslastung verlagert sich aber von der körperlichen Anstrengung und den monotonen Handgriffen immer mehr in den Bereich der spezifisch menschlichen geistigen und organisatorischen Leistungsfähigkeit. Die Produktivität der Arbeit beruht auf der Flexibilität, Mobilität und Kreativität der arbeitenden Menschen. Hinter der Fratze der kapitalistischen Ausbeutung zeigt sich hier, dass die produktivste Maschinerie − wenn sie human und nicht im Sinne der Profitmaximierung genutzt würde − auch den produktiven und kreativen Bedürfnissen der Menschen sehr entgegen kommt. Arbeit müsste nicht mehr schwer und langweilig sein, sondern könnte Spaß machen und die eigene individuelle Entwicklung bereichern. Wer körperliche Schwerstarbeit und monotone Fließbandarbeit kennt, wird das sehr zu schätzen wissen.

Strukturell erleben wir eine weiteren wichtigen Effekt: Dezentralisierung ist nicht mehr, wie in früheren Fließbandzeiten, die Simone Weil erlebte, und in denen der real gewesenen Sozialismus agierte, notwendigerweise mit Effektivitäts- und Produktivitätsverlusten verbunden. Im Gegenteil: die modernen Produktionsorganisationen beruhen auf neuartigen Vernetzungen dezentralisierter Produktionseinheiten, die selbst flexibel sind. Diese Produktivitätsvorteile der (vernetzten) Dezentralisierung könnten sich verbinden mit der Notwendigkeit zur Dezentralisierung/Regionalisierung aus ökologischen Gründen.[20]

Freie Software als Modell einer Freien Produktionsweise

In diesem Zusammenhang sind auch die Erfahrungen mit der Freien Software zu betrachten. Einerseits ist es wichtig, dass bei Freier Software der Quellcode nicht mehr privatisiert und kommerzialisiert werden kann (Copyleft[21]). Andererseits bietet die Produktionsweise der Freien Software einen wichtigen Beweis dafür, dass hochkomplexe Produkte nicht − wie früher meist gedacht − nur in perfekt durchgeplanten und −organisierten Strukturen hergestellt werden können, wodurch schon aus technologischen Gründen so etwas wie Vormachtstellungen und Herrschaftsstrukturen entstehen (bis hin zu den Planungsbürokratien der großen Konzerne oder eben den Sozialismusversuchen). Sondern es zeigte sich, dass auch in dezentralen, von den beteiligten Menschen selbst organisierten Strukturen effektiv und qualitativ hochwertig gearbeitet werden kann. Der Produktionsprozess geht dabei nicht von zentralistischen Plänen oder Profitmaximierungsinvestitionsentscheidung aus, sondern von den unmittelbaren Bedürfnissen der Menschen. Das sind einmal das Bedürfnis nach guten Produkten und zum anderen die ebenso starken Bedürfnissen nach einer Verwirklichung des eigenen Könnens, der Kreativität, also auch des eigenen Produktionsvermögens. Es sollte für andere selbst organisierte Prozesse interessant sein zu schauen, wie sich die Menschen hier organisieren: "Maintainer, einzelne Personen oder Gruppen, übernehmen die Verantwortung für die Koordination eines Projektes. Projektmitglieder steigen ein und wieder aus, entwickeln und debuggen Code und diskutieren die Entwicklungsrichtung. Es gibt keine Vorgaben, wie etwas zu laufen hat, und folglich gibt es auch verschiedene Regeln und Vorgehensweisen in den freien Softwareprojekten. Dennoch finden alle selbstorganisiert ihre Form, die Form, die ihren selbst gesetzten Zielen angemessen ist... Ausgangspunkt sind die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen − das ist bedeutsam, wenn man freie und kommerzielle Softwareprojekte vergleicht." (Meretz 2000)[22]. Als besonders bedeutsam sind aus diesen Erfahrungen folgende Aspekte hervorzuheben[23]:

         Selbstorganisation "von unten" auf Basis der Selbstentfaltungsinteressen der Menschen ist möglich.

         Selbstentfaltung ist nur sehr beschränkt innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft möglich; es wird erfahrbar, dass sie letztlich nur außerhalb dieser gedeiht.

         Die Eigentumsfrage wird auf neue Weise gestellt. GPL ist ein Moment der Aufhebungsbewegung, vernetzt mit Bewegungen wie "Kein Patent auf Leben" etc.

         Produktivität wird neu definiert als "Erhöhung der Handlungsspielräume für die Menschen"[24].

Alternative Ökonomie

Seit nun schon über 5 Jahren wird sehr aktiv diskutiert, ob und wie diese Erfahrungen auf andere Bereiche übertragbar sind.[25] Übrig bleibt dann immer die Frage: "Das mag zwar für digitale und immaterielle Produkte gelten − aber wie bekomme ich jeden Morgen meine Brötchen auf den Tisch?". Lassen sich auch Jeans und Kühlschränke auf diese Weise herstellen? Kann auch die materielle Produktion so organisiert werden, dass nicht technologische Pläne vorschreiben, wann die Menschen wie arbeiten müssen, ohne auf Produktivität zu verzichten? Erfahrungen in möglichst selbstbestimmter Ökonomie bieten vielfältige alternativ-ökonomische Projekte[26], die auch in der Bundesrepublik seit Ende der 60er Jahre entstanden. Arbeiten ohne Chef, weitgehende Abkopplung vom kapitalistischen Markt und Produktion nach ökologischen Prinzipien haben sich in vielfältigster Weise bewährt. Neueste Entwicklungen lassen sich in Argentinien beobachten, wo Arbeiterinnen und Arbeiter Fabriken besetzten und übernahmen und sogar unter Beibehaltung der tayloristisch-fordistischen Techniken einen konsequenten Abbau der innerbetrieblichen Hierarchien betrieben (Fernandez 2004)[27]. Eins ist aber bisher allen diesen Projekten gemeinsam: Ihre Arbeitsproduktivität liegt im Einzelfall meist und im Durchschnitt immer unter jener der kapitalistischen Produktion. Das ist auch in Ordnung, wenn die beteiligten Menschen mit einem niedrigeren Lebensstandard und Mehrarbeitszeit zufrieden sind. Als gesamtgesellschaftliche Alternative können diese Projekte aber wenig wirksam werden. Hier braucht es Ansätze, die mehr individuelle Freiheit und mehr Auswahl an Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten (was nicht quantitatives Wachstum bedeuten braucht) ermöglichen. Und die haben mit der Produktionstechnik zu tun. Es geht darum, die geschaffenen Potenzen im Interesse aller Menschen anzueignen, aber auch umzuorganisieren. Gleichzeitig müssen neue Potenzen entwickelt werden, die es auf verschiedensten Gebieten ermöglichen, immer unabhängiger von der kapitalistischen Produktion zu werden − aber eben auch nicht auf Produktivität verzichten.

New Work und High-Tech-Eigen-Produktion

Ansatzpunkte dazu gibt es innerhalb des Konzepts "New Work − New Culture" von Frithjof Bergmann.[28] Bergmann geht davon aus, dass die kapitalistische Lohnarbeit aufgrund der Produktivitätssteigerung nie wieder vorherrschend sein wird für die Versorgung der Menschen. Er schlägt vor, das Schrumpfen dieses Bereichs anzuerkennen und sogar zu begrüßen, denn es macht Zeit frei für mindestens[29] zwei andere wichtige Bereiche: Das ist erstens freie Zeit für jede und jeden um das zu tun, was jede und jeder "wirklich, wirklich will". Nicht im Sinne der früher von der Arbeit abgespaltenen Freizeitbeschäftigung, sondern im Sinne der Herstellung seiner selbst als sich ständig weiter entfaltende Persönlichkeit. Um zweitens trotzdem mit ausreichend materiellen Gütern versorgt zu sein, macht es wenig Sinn, weiter von der Lohnarbeit abhängig zu bleiben. Es geht darum, das individuelle Überleben nicht mehr von der Leistung in der Lohnarbeit oder eben Zwangsarbeit oder Almosen abhängig zu machen, sondern neue Formen der Versorgung mit notwendigen Gütern zu schaffen. Diese sollten auf dem jeweils höchst möglichen technologischen Standard aufbauen − Bergmann nennt diesen Bereich: High-Tech-Eigen-Produktion.

Beispiele dafür gibt es einige, aber noch viel zu wenige. Begonnen hat es mit einem Projekt mit Jugendlichen in amerikanischen Großstädten, bei denen auf Hochhausdächern in technisch raffinierten, das Wasser in mehreren Etagen nutzenden, sog. "Bioblocks" Gemüse gezogen wurde. Im Moment entstehen Projekte vor allem in Afrika, wo die Regierungen einsehen müssen, dass Investitionen in kapitalistische Lohnarbeitsplätze nicht funktionieren. Bergmann rechnet ihnen vor, dass man mit einem Tausendstel des Aufwands für einen Lohnarbeitsplatz einen Lebens-Arbeitsplatz im Bereich der High-Tech-Eigenproduktion finanzieren kann, um den drängenden sozialen Problemen zu begegnen. Dabei sind die Menschen vor Ort selbst die Akteure, die auch die entscheidenden technischen Ideen dafür haben, wie sie gewünschte Produkte mit wenig Aufwand herstellen können. Das betrifft ein Autoprojekt ebenso wie die Entwicklung von Kühlschränken aus geladenen Metallplatten oder Kochherde für Slumbewohner.

 

"Entscheidend ist, dass jedes zusätzliche Produkt, das wir so weit entwickeln, dass es sich mit einem Minimum an geisttötender Arbeit selbst herstellen läßt, ein Schritt nach vorn ist auf dem Weg aus der Knechtschaft des Lohnarbeitssystems" (Bergmann 2004: 284)[30].

 

Auf diese Weise könnten sicher auch wir manches, was wir brauchen "neu erfinden" und in gemeinsamen Werkstätten für uns herstellen. Gemeinsame Werkstätten in diesem Sinn werden an verschiedenen Orten in der Bundesrepublik als sog. "Zentren für Neue Arbeit" entwickelt.[31] Wenn dort allerdings lediglich die normalen Näh− und Werkzeugmaschinen stehen, ist das Anliegen noch nicht ausgereizt. Spannend wird es dann, wenn dort eine Maschine steht, in die man an der einen Seite einen Stoffballen einlegt, sich dann in einer Kabine die persönlichen Körpermaße automatisch abtasten lässt und dann nach einem Besuch des New-Work-Cafés eine fertige Jeans für einen Aufwandsbeitrag von vielleicht drei Euro mitnehmen kann. Technisch wird so etwas schon entwickelt (z.B. von Levi Strauss). Andere technische Ansätze werden möglich durch die Entwicklung sog. "Generativer Produktionsverfahren": "Anstatt für einen Motorblock mit einem großen Stück Metall anzufangen und da etwas wegzufeilen oder auszubohren, kann man den Block aus feinem Stahlpulver schichtweise aufbauen, in einem Kasten, der etwas größer ist als ein Wohnzimmer-Aquarium." [32] Die geringe Größe dieser Maschine ist deshalb von Bedeutung, weil sie Erinnerungen zulässt an die Entwicklung der Computer: Vom zimmerfüllenden Mainframe schrumpften sie zu Tischen und schließlich zu Büchergröße. Diese Verringerung und der massenhafte Einsatz führten zu einer Verbilligung, die schließlich die Produktion von gedruckten Texten und vielen anderen Sachen individualisierte. Der Gedanke lässt sich nun auch für Produktionsstätten weiter führen. Von der Großfabrik zum Persönlichen Fabrikator[33]. Noch sind die "Replikatoren" der StarTrek-Serien wirklich utopisch − aber gemeinschaftlich entwickelte und genutzte Vorstufen davon sind im Bereich des Möglichen. Frithjof Bergmann schätzt, dass in Gruppen von 300 bis 800 Menschen ca. 80 Prozent der benötigten Produkte in hochtechnikbasierten Kooperativen Nachbarschaftswerkstätten erzeugt werden könnten (Bergmann 2004: 117, 258)[34]. Und es wird wie alles, was erst nur möglich ist, nur dann in die Wirklichkeit versetzt, wenn genügend Menschen sich dafür einsetzen. Das wäre übrigens auch endlich mal wirklich ein Bereich, in dem sich das eingetrichterte Wissen von Jugendlichen, die im Lohnarbeitsleben immer weniger eine mögliche oder gar wirkliche Chance bekommen, einsetzen ließe! Alles, was gegen diese utopische Idee spricht, braucht − wenn wir eine andere Produktionswelt wirklich wollen − nur umformuliert zu werden in eine Aufgabe: Wenn es jetzt noch nicht geht, wollen wir mal überlegen, wie es gehen kann und dann machen!

 

Nicht unerwähnt soll jedoch sein, dass uns keine Technik, wie weit sie auch fortgeschritten sei, die politischen, sozialen und ökonomischen Kämpfe darum abnehmen kann, wer über ihre Entwicklung, ihre Entwicklungsziele und die Art und Weise ihrer Entwicklung und ihres Einsatzes bestimmen kann und zu wessen Nutzen dies geschieht. Bloße Technikeuphorie wäre fehl am Platz, aber die Vorstellung neuartiger materiell-technisch-organisatorischer Produktionsmethoden kann die Kämpfe außerordentlich beflügeln, weil sie uns deutlicher vor Augen führen, worum es sich zu kämpfen lohnt.

 

 



[1]Wiesehügel, Klaus (2005): Ein Paradies für Ausbeuter. Interview in FREITAG 7. Januar 2005, S. 7.

[2] Profit aus Lohnarbeit gibt es nur, wenn das eigene Unternehmen produktiver ist als die Konkurrenten, was in früheren Zeiten oft durch wissenschaftlich-technisch-organisatorische Verbesserungen erreicht werden konnte. Die daraus erreichbaren Profite werden aber immer geringer − vor allem im Vergleich zu anderen Gewinnmöglichkeiten, wie in den 90er Jahren durch Börsenspekulationen und nun mehr und mehr der direkten Ausplünderung.

[3] siehe auch: Nebelung, Katja (2003): Lange Wellen − Zur weiteren Entwicklung des Kapitalismus. In: Internet http://www.zw-jena.de/arbeit/globalisierung.html.

[4] Diederich, Ellen (2005): Das "andere Amerika". Angela Davis − ein Porträt. junge Welt 7. Januar 2005, S. 10-11.

[5] Es ist völlig verfehlt, dem gewesenen Sozialismus vorzuwerfen, dass er noch nicht den gewünschten Kriterien des Kommunismus entsprochen hat. Zu kritisieren ist er da, wo er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde bzw. wo die Ansprüche selbst zu kritisieren sind.

[6] Was dann geschieht, haben wir in der Sowjetunion erlebt. Gorbatschow setzte auf die "Weisheit des Volkes", aber dieses wurde überrumpelt von den mafiosen Neukapitalisten.

[7] In anderen Bereichen, wie z.B. der sog. "politisch-ideologischen Arbeit" an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, wurden Lockerungen ausprobiert − mit dem Ergebnis, dass nicht etwa selbstbestimmte Bildungsaktivitäten empor sprossen, sondern eine allgemeines Erschlaffen einsetzte, welches dann nur mit Mühe vor den übergeordneten Führungsebenen gerechtfertigt werden konnte. Aus heutiger Sicht lässt sich das gut erklären − aber im ökonomischen Bereich hätte Ähnliches doch enorme Risiken mit sich gebracht.

[8] Weil, Simone (1975): Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. München. S. 134.

[9] ebd., S. 170.

[10] ebd., S. S. 236.

[11] ebd., S. 238.

[12] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Berlin 1988, S. 92

[13] nach Mumford, Lewis (1974): Der Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht. Wien: Europa-Verlag.

[14] Fabriken in Entwicklungsländern, in denen unter schlechtesten Arbeitsbedingungen produziert wird. Sweatshops werden durch Faktoren wie schlechte Bezahlung, lange Arbeitszeiten, hohe Verletzungsgefahren, strenge disziplinäre Maßnahmen etc. charakterisiert. (http://www. umweltdatenbank.de/lexikon/sweatshop.htm)

[15] Auch diese Lebensweise war − zumindest in Europa − keinesfalls emanzipativ, ökologisch nachhaltig oder krisenfrei. Siehe Michael Mitterauer : "Warum Europa? - mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs" bei, C.H.Beck.

[17] Marx, Karl (1856): Rede auf der Jahresfeier des "Peoples Paper" am 14. April 1956 in London. Karl Marx, Friedrich Engels Werke. Band 12. Berlin: Dietz-Verlag 1961. S. 3-4.

[18] siehe z.B. Espi (2005): Gratisökonomie und Umsonst-Eventhopping. CONTRASTE Oktober 2004, S. 6.

[20] Frederic Vester fand heraus, dass ökologische Prinzipien nur in dezentral-vernetzten Strukturen ausreichend umgesetzt werdenkönnen. Siehe Vester, Frederic, Neuland des Denkens, München 1984.

[21] Freie Software in dem hier gemeinten Sinne steht unter der sog. GNU General Public License (GPL), die das Recht zur freien Benutzung des Programms, das Recht, Kopien des Programms zu erstellen und zu verbreiten, das Recht, das Programm zu modifizieren und das Recht, modifizerte Versionen zu verteilen, beinhaltet.

[22] Meretz, Stefan, GNU/Linux ist nichts wert- und das ist gut so!, im Internet: http://www.kritische-informatik.delxwertl.htm (2000)

[23] Schlemm, Annette; Meretz, Stefan (2001): Die Freie Gesellschaft als Selbstentfaltungs-Netzwerk. In: Marxistische Blätter. Heft 2-01. S. 46-53.Internet: http://www.opentheory.org/proj/freie-gesellschaft/v0001.phtml

[24] Ulrich Sigor, Utopie der Arbeit (http://www.thur.de/philo/arbeit9.htm)

[25] siehe vor allem: www.oekonux.de.

[26] Den besten jeweils aktuellen Überblick über diese Szene gibt wohl die Monatszeitschrift CONTRASTE, siehe www.contraste.org.

[27] Fernandez, Marco (2004): "Wozu einen Chef?". CONTRASTE, Dezember 2004, S. 1, 7-9.

[28] Bergmann, Frithjof (2004a): Neue Arbeit − Neue Kultur. Arbor-Verlag. Siehe auch http://www.newwork-newculture.net.

[29] Die üblicherweise auf Frauen verlagerte Familienreproduktionsarbeit wäre dann nicht auch noch zu kommerzialisieren und sie ist sicher auch nur für wenige Frauen und nur in Teilen das, was sie "wirklich, wirklich will"!

[30] Bergmann, Frithjof (2004a): Neue Arbeit − Neue Kultur. Arbor-Verlag.

[31] Zum aktuellen Stand siehe http://www.newwork-newculture.net.

[32] Bergmann, Frithjof (2004b): "Das ist nur die erste Bö eines Orkans". In: DIE ZEIT 51/2004.

[33] siehe auch Geshenfeld, Neil (2000): Wenn die Dinge denken lernen. Zukunftstechnologie im Alltag. Econ-Verlag. S. 77ff..

[34] Bergmann, Frithjof (2004a): Neue Arbeit − Neue Kultur. Arbor-Verlag.




Zu "Rapid Producing"

"New Work" und individuelle, vernetzte Produktion von Gebrauchsgütern

[Homepage] [Gliederung]



- Diese Seite ist Bestandteil von "Annettes Philosophenstübchen" 2005 - http://www.thur.de/philo/produktion.htm -