Ersetzt Selbstorganisationsdenken
die Dialektik?

Schriftliche Langform eines Vortrags für die Ernst-Bloch-Assoziation
in der Stiftung Salecina/Maloja (CH)

1. Einleitung *
2. Dialektik
*
          2.1. Hegelsche Dialektik *
          2.2. Reduzierte Dialektikvorstellungen *
3. Allgemeintheorien *
4. Verhältnis von Dialektik und Allgemeintheorien *
          4.1. Identität *
          4.2 Unterschied *
5. Literatur *
Anhang: Verhältnis Teile-Ganzes *

1. Einleitung

Nachdem schon seit den 30er und 50er Jahren Systemtheorien als allgemeine Theorien entwickelt worden waren, wurden die vorher meist geschlossenen Systeme seit den 70er Jahren geöffnet und sie zeigten faszinierende Eigenschaften der Selbstorganisation. Die 90er Jahre brachten einen Boom an begeisternden Popularisierungen mit sich, der meist mit weltanschaulich überhöhten Interpretationen verbunden war. Besonders unter dem Stichwort "Chaostheorie" florierten neue Weltbilder, die eine Befreiung aus dem reduktionistischen und mechanistischen Zugriff versprachen.

Es ist wirklich faszinierend, sich in diese neuen Konzepte zu vertiefen. Ich selbst habe mich auch kurz vor der "Wende" in der DDR, während der Wende und danach mit diesen Theorien beschäftigt, sie popularisiert und in Bezug gesetzt zu philosophischem Wissen. In dieser Begeisterung betonte ich vor allem die Übereinstimmungen mit einer dialektischen Philosophie und die neuen Qualitäten dieser Konzepte gegenüber früheren Allgemeintheorien. Es mehrten sich jedoch bald Anzeichen, dass manche Erwartungen überzogen sind. Insofern ist mein heutiger Vortrag über das Verhältnis von Selbstorganisationstheorien und philosophischer Dialektik auch eine Art Selbstkritik.

Bei der Frage, inwieweit Erkenntnisse der Selbstorganisationstheorien identisch mit den Aussagen dialektischer Philosophie seien, oder ob sie deren Formalisierung ermöglichten oder sie gar ersetzen kann ich mich auf Vorarbeiten (vgl. Warnke 1974) stützen, die gegenüber ähnlichen Ansprüchen früherer Systemtheorien bereits erarbeitet wurden, aber durch spätere politische Verwicklungen der AutorInnen in der DDR in die "Ruben-Affäre" (vgl. Rauh 1991) kaum noch Gehör fanden. Gerade weil diese Debatte nach wie vor durch gegenseitige ideologische Vorwürfe belastet ist, kommt es mir – unabhängig auch von Sympathien für VertreterInnen der einen oder anderen Richtung - auf eine möglichst sachliche Klärung der Zusammenhänge der in Frage stehenden Konzepte an. Zwei Fragen werden dabei eine große Rolle spielen: Sprechen Allgemeintheorien und die Dialektik über dasselbe Allgemeine? Und: Was ändert sich durch den Übergang von der Gleichgewichtssystemtheorie bw. den klassischen Einzelwissenschaften zu den Selbstorganisationskonzepten?

Nach einer Erinnerung an die Inhalte der verschiedenen Konzepte werde ich zuerst jene Merkmale kennzeichnen, die eine starke Verwandtschaft der Allgemeintheorien, zu denen die Selbstorganisationskonzepte gehören, und der Dialektik vermuten lassen. Danach jedoch werde ich mich auf die Verdeutlichung der Unterschiede konzentrieren, die im Überschwang der Übereinstimmungserkenntnisse oft zu stark verwischt werden.

2. Dialektik

Was ist unter Dialektik zu verstehen? Oft werden gerade sophistisch-skeptizistische Abwägungen zwischen "Einerseits-" und "Andererseits-"Standpunkten als dialektisch bezeichnet. In der Geschichte der Philosophe entwickelte sich der Inhalt dialektischen Denkens seit Platon immer weiter und erhielt seinen fundiertesten Ausdruck in der Philosophie Hegels. Von daher wurde sie vor allem im Rahmen der "Weltanschauung der Arbeiterklasse" als grundlegendste Denkform weiter tradiert. Häufig gingen auf diesem Weg wichtige Aspekte der Hegelschen Dialektik wieder verloren. So wurde beispielsweise folgende Vorstellung typischerweise als Darstellung der Dialektik akzeptiert:

Die beiden Komponenten (entgegengesetzte Tendenzen oder Seiten) eines dialektischen Widerspruchs sind einander wechselseitig Existenzbedingung; eine kann nicht ohne die andere existieren und umgekehrt. Komponente A wirkt auf Komponente B ein und zugleich B auf A, das Verhalten jeder der beiden Komponenten wird durch das Verhalten der anderen mitbestimmt. Es ist dies das allgemeine Schema der Wechselwirkung. (Klaus 1968, S. 33-34)

Um die Begrenztheit dieser Vorstellung zu verstehen, ist ein Rückgriff auf die Hegelsche Dialektik notwendig.

2.1. Hegelsche Dialektik

Beginnen wir mit der umfassendsten Darstellung des dialektisch-spekulativen Systems bei Hegel, dem gegenüber dann berechtigte oder unberechtigte Einschränkungen deutlich werden. Hegels System ist nicht statisch. Auch wenn jede Skizze, jede Wortverwendung bestimmte Inhalte und Bedeutungen fixiert, entzieht sich die Hegelsche Sprache bewußt einer solchen Fixierung und genau dies macht das allgemein beklagte Verständnisproblem bei Hegel aus. Jede Kategorie bestimmt sich inhaltlich durch ihre Beziehungen zu allen anderen Kategorien. Hegel spricht davon, dass seine Wissenschaft sich als "Kreis von Kreisen" darstellt (WdL II, S. 571), aber durchaus nicht wirr und ungeordnet, sondern in einem logischen Zusammenhang, der einer Skizze Hegels folgend als fraktales Dreieck dargestellt werden kann (nach Grimsmann und Hansen, siehe Abbildungen 1 und 2). Die Kategorien in den jeweils drei Ecken und die diese umfassende werden oft als "These-Antithese-Synthese" vereinfacht.

Abb.1: System der Wissenschaften von Hegel

Abb. 2. Die Wissenschaft der Logik

Wenn wir schon einer vereinfachenden Schematisierung bedürfen, ist es angemessener, jeweils eins der Momente an der unteren Seite des Dreiecks als Ausdruck der Identität der Kategorie mit sich selbst zu betrachten, das jeweils andere als Ausdruck des Unterschieds (gegenüber seinen äußeren oder inneren Anderen). Wenn der Unterschied sich zum Gegensatz und zum Widerspruch entwickelt, erhalten wir den wesentlichen Widerspruch in der oberen Ecke als jene Einheit, in der sich der Widerspruch der genannten Momente bewegen kann, wobei dieser Widerspruch sich als der Grund der Momente erweist.

An dieser Stelle möchte ich auf die grundlegende Architektur des Hegelschen Systems aufmerksam machen. Innerhalb des Zusammenhangs "Logik – Natur - Geist" finden wir in der Logik eine Dreiteilung: "Sein - Wesen – Begriff".

Diese möchte ich kurz und sehr vereinfacht erläutern: In Abweichung davon, dass bei Hegel alle Kategorien Seins- und Erkenntniskategorien gleichermaßen sind, diskutiere ich die drei unterschiedlichen Logiken nur als Erkenntnistypen.

Die Seinslogik ist die einfachste Erkenntnisform. In ihr wird das unmittelbar Daseiende ideell verdoppelt, irgendwie benannt. Drei blinde Menschen schildern ihre unmittelbaren Wahrnehmungen: einer betastet einen Schlauch mit Rillen, ein andere einen Strick mit Quaste, der dritte spricht von einer gefurchten Wand. Die Beschreibung von Eigenschaften der Dinge ist dabei schon ein Schritt über die rein abstrakte, qualitätslose sinnliche Gewißheit hinaus. Jedes Ding ist dabei als mit sich identisch betrachtet, beziehungslos, isoliert (siehe die erste Spalte der Tabelle 1). Marx befindet sich in dieser Logik, wenn er die Bevölkerung zuerst als "chaotische Vorstellung eines Ganzen" (EGR, S. 35) betrachtet. Diese chaotische Gesamtheit isolierter Dinge ist jedoch selbst eine Abstraktion. Wir erkennen, daß diese unmittelbar erscheinenden Dinge ständig ihren Zustand wechseln - Trotzdem ist die Welt nicht nur ein Chaos, sondern wir stellen stabile Zusammenhänge und Ordnung innerhalb des Wandels fest. So entfernen sich eine Quaste und ein Schlauch bei den Blinden nie weiter als 5,5 bis 7,5 Meter voneinander fort und die gefurchte Wand ist immer dazwischen. Wir stellen fest, dass die zuerst nur einzeln wahrgenommenen Erscheinungen untereinander Beziehungen haben. Einige sind fast immer zusammen anzutreffen. So im Marxschen Fall Lohnarbeit und Kapital, Mehrwert und Profit, Waren und Entfremdung. Wenn ich weiß, wo das eine Ding ist, kann ich aus der erkannten Beziehung (der Gesetzmäßigkeit) ableiten, wo das andere sein kann. Die dem Wandel zugrunde liegenden Beziehungen erweisen sich als für die bestimmte Sache wesentlich und ich befinde mich nun in der Wesenslogik (Spalte 2 in der Tabelle 1). Ich erfasse dabei Wechselwirkungen zwischen nicht mehr isolierten Dingen. Diese sind aber den beteiligten Dingen eher äußerlich und die Dinge werden nicht selbst in ihrer Qualität verändert. Hegel nennt diese Wechselbeziehungen "dialektisch" (Hegel Enz.I, S. 172), auch negativ-vernünftig. Vielleicht könnten wir unsere Überlegungen hier beenden, denn den nächsten Schritt in die Begriffslogik hinein nennt Hegel "vernünftig-spekulativ" (ebd., S. 176)und speziell Materialisten könnten genau diese Wendung "ins Spekulative" meiden wollen. Ich denke, wir sollten uns nicht an Bezeichnungen stören, sondern den sachlichen Gehalt betrachten. Worum geht es bei diesem weiteren Übergang in eine neue Logik?

In der Wesenslogik setzen wir die wechselwirkenden Teile, bzw. die sich aufeinander beziehenden Teile und das Ganze als gegeben voraus und betrachten erst sekundär deren Wechselwirkungen als ihnen äußerlich hinzukommende. Sobald wir erkennen (und das ist in der reinen Wesenslogik noch nicht gegeben), dass die wechselwirkenden Momente selbst erst in der Wechselwirkung entstehen, dass eins der Momente das andere (sich selbst widersprechend) enthält, denken wir begriffslogisch. Oft ist die umfassende (begriffslogische) Einheit der Momente wesenslogisch bereits implizit erahnt (das befördert Verwechslungen) – ist aber noch nicht explizit begriffen. Viele kurzschlüssige Synthesen und mystische Vereinheitlichungen wollen vom Einzelnen unmittelbar zur Einheit, sind aber kein begreifendes Denken. Eine begriffene Einheit dialektischer Momente zeichnet sich gegenüber den anderen Einheiten dadurch aus, dass in der Einheit die Besonderheiten der Momente nicht verloren gehen, dass nicht von ihnen abstrahiert wird. Hegel kennzeichnet die mystische, abstrakte nicht begriffene Einheit durch eine Vorstellung, in der nachts alle Kühe schwarz werden (Hegel, Phän, S. 22). Die begriffene Einheit entsteht gerade durch ihre konkreten Besonderheiten. In unserem einfachen Beispiel erklären sich die komischen Eigenschaften der schlauchigen, quastigen und gefurchten Qualitäten und ihrer abstandsmäßigen Beziehungen daraus, dass wir begreifen, dass wir die ganze Zeit von einem "Elefanten" gesprochen haben (siehe dritte Spalte der Tabelle 1). Das Beispiel mit dem Elefanten ist – so gut es erst einmal die drei verschiedenen Denktypen charakterisiert – zur Kennzeichnung der Begrifflsogik dann wiederum nur sehr begrenzt aussagefähig. Es geht ja nicht nur darum, für das Ding, welches die Gemeinsamkeit von Rüssel, Schwanz und Haut ausmacht, eine Bezeichnung zu finden. Begreifendes Denken erfordert, dass Momente einer dialektischen Einheit zwar in ihrer Besonderheit unterschieden bleiben, aber nicht mehr getrennt existieren bzw. gedacht werden können. Eine dieser Logik angemessenere Sache ist die gesellschaftliche Reproduktion. Hierfür weist Marx die Identität und den Widerspruch der jeweiligen Momente Produktion, Konsumtion, Austausch und Distribution nach sowie den übergreifenden Charakter der Produktion nach (EGR, S. 25ff.). Bekannt ist auch das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten bei der Analyse der Bevölkerung, die sich erst auf der Stufe der Begriffslogik als "reiche Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen" (ebd., S. 35) begreifen läßt.

Zusätzlich zur Wechselwirkung von Teilen in einem Ganzen enthalten die Momente einer begriffenen Totalität einander in widersprüchlicher Weise und eins der Momente "übergreift" das Ganze dominierend. Diese Totalität kann niemals als statisch vorgestellt werden, sondern stellt jeweils einen konkreten Entwicklungszusammenhang dar. Entwicklung wird hier nicht als voll determiniert vorgestellt, aber auch nicht als beliebiges Driften. Sie beruht auf einem Verständnis von Dialektik als Entwurfsstruktur (Zimmermann 1991, S. 36)

Seinslogik

Wesenslogik

Begriffslogik

Bevölkerung: "chaotische Vorstellung eines Ganzen" (Marx, EGR, S. 35) ABER:

"Bevölkerung ist Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse..." (S. 35) ®

Klassen beruhen auf:

Lohnarbeit – Kapital, universeller Austausch, Arbeitsteilung, Wert, Geld, Preis...

Bevölkerung als "reiche Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen" (EGR, S. 35)

(vgl. "Produktion", ebd. S. 19-34)

Vereinzeltes /Abgesondertes
in seiner Erscheinung
als unmittelbare Identität

wesentliche Zusammenhänge zwischen den Einzelnen

® abstrakt-allgemein

Einheit des Mannigfaltigen:

konkret-allgemein

Element – Aggregat (Anhäufung)

Teile – Ganzes (jeweils äußerliche Beziehung zwischen Gegebenem)

Momente – Totalität: Einheit von: gegenseitiger Widerspruch + gegenseitiges Enthaltensein.

Dinge – Verdinglichung

Funktionalität – aufgehen des Gegenstands in Beziehungen

Gegenständliches Verhalten

Unterschied

Gegensätzlichkeit

dialektischer Widerspruch

stabile Struktur

Bewegung, Prozeß (kont. Zustandsänderung auf Grundlage von Gesetzmäßigkeiten)

Entwicklung: disk. Qualitätsänderungen, Veränderung der Zustands/ Prozeßgesetzmäßigkeiten"

Deutendes Denken (Holzkamp 1985, S. 386ff.),Oberflächenverdopplung;

Pseudokonkretheit (Kosik 1967, S. 8)

Wissenschaft: das Wesen "hinter" den Erscheinungen finden

dialektisches Begreifen: Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten

Tabelle 1: Drei verschiedene Denktypen

Ungeachtet der Bezeichnung als "spekulative Dialektik" macht es also durchaus Sinn, Hegel in Richtung des begriffslogischen, des begreifenden Denkens zu folgen. Der Unterschied zwischen Wesens- und Begriffslogik ist meiner Erfahrung nach vor allem in wissenschaftsphilosophischen Überlegungen zu Gesellschaftstheorien unabdingbar.

Auffallend ist, dass der Weg der begreifenden Erkenntnis nicht hin zu "immer abstrakteren" Gefilden führt, sondern "vom Abstrakten zum Konkreten" (Marx EGR, S. 35) verläuft, wobei das "Konkrete" eben nicht das Unmittelbar-Vereinzelte ist, sondern das in seiner Spezifik Begriffene. Hegel spricht davon, vom abstrakt-Allgemeinen über das Besondere zum konkret-Allgemeinen zu kommen:

Der höchste Anfangspunkt für das Problem der Philosophie ist mit dieser Steigerung allerdings zum Bewußtsein gebracht worden von dem Voraussetzungslosen, Allgemeinen aus das Besondere zu entwickeln, - einem Prinzip, das die Möglichkeit dazu enthält, weil es selbst schlechthin der Drang der Entwicklung ist. (Hegel SSB, S. 254)

Die Unterscheidung von abstrakt Allgemeinem und konkret Allgemeinem ist fundamental für das Verständnis des Allgemeinheitstyps des hegelschen dialektischen Systems. Die Reduktion des Denkens auf abstrakte, rein äußerliche Wechselwirkungen gegenüber Teilen, verunmöglicht das Begreifen von Emergenz. Das Entstehen von qualitativ Neuem, von Entwicklungszyklen (und nicht nur Prozessabschnitten) ist nur möglich, wenn zurück gegangen wird zur konkreten jeweiligen Besonderheit der betrachteten Momente, die in geeigneter Weise die Widersprüchlichkeit der dialektischen Einheit (Totalität) erfassen lassen müssen (nicht jede "Einteilung" von Ganzem ermöglicht dies).

Erst das Weiterschreiten in Richtung begreifenden Denkens rechtfertigt auch die Kritik des abstrakten Denkens.

2.2. Reduzierte Dialektikvorstellungen

Eine Besonderheit der Dialektik gegenüber logisch eindeutigen (z.B. formal logischen) Konzepten ist es, dass die Negierung eines Moments nicht dessen Vernichtung bedeuten muss, sondern Aufhebung (Negierung des alten Zustands, Aufbewahrung, Hochheben). Die Momente enthalten schon immer auch die Potenz zu dieser Negierung (andere, historisch kontingente Teile, die diese Potenz nicht tragen oder realisieren, werden nicht betrachtet).

Dadurch werden durch das Fortschreiten des Denkens in Richtung der Begriffslogik, des begreifenden Denkens, die vorherigen Momente – also die Seins- und die Wesenslogik – nicht vernichtet, sondern ebenfalls aufgehoben. In den noch nicht vollständig entwickelten Momenten ist das jeweils weiter Entwickelte aber bereits potentiell enthalten.

In der Tradition materialistischer Philosophien wurden vor allem die Dialektik in der Seinslogik als "objektive, materielle Entwicklung" über die in den berühmten Engelsschen dialektischen Gesetzen erfaßten Prinzipien, wie des Umschlags von der Quantität in Qualität und umgekehrt, betont. E. Braun untersuchte bereits die Diskrepanzen in der durch Engels tradierten Dialektikvorstellungen gegenüber Hegel und auch Marx (Braun 1995).

Besonders oberflächliche (d.h. vor allem mechanisch materialistische) Dialektikkonzepte reduzieren ihre Aufmerksamkeit vollständig auf die Seinslogik und die dort befindlichen dialektischen Argumentationsstrukturen. Wenn auf tiefere Gründe "hinter" den Erscheinungen rekurriert wird, wird dann noch die Wesenslogik hinzugenommen. Oft wird auch die dialektische Widersprüchlichkeit als Kern der Dialektik proklamiert, jedoch nur ihre Form als Gegensatz untersucht. So beispielsweise in dem oben zitierten Beispiel von Georg Klaus. Auch an anderer Stelle wird sein reduziertes Dialektikverständnis deutlich. In einer Diskussion erläuterte Klaus seine Vorstellung eines dialektischen Prozesses damit, dass in einem abgeschlossenen System (Abbildung 2a) von Zusammenhängen Aussagen formuliert werden, die sich dort weder beweisen noch widerlegen lassen (Gödel), die sich dann aber durch "Hinzunahme neuer Gelegenheiten zu diesem System" (Abbildung 2b) lösen lassen, wodurch wieder neue unentscheidbare Aussagen entstehen und eine neue Erweiterung (Abbildung 2c) mit sich bringen (Klaus 1951b, S. 69). Hegels "schlechte Unendlichkeit" (Hegel WdL II, S. 264) läßt grüßen...

Abbildung 2a

Abbildung 2b

Abbildung 2c

Zwar zeigen sich in solchen Prozessen durchaus dialektische Momente, aber sie schöpfen nicht ganzen Gehalt der Dialektik aus. Klaus anerkennt durchaus die Notwendigkeit des Rückbezugs auf den jeweils konkreten Prozess (Klaus 1951a, S. 11) und er betont, dass sein systemtheoretisches und kybernetisches Konzept in keiner Weise den Anspruch erheben darf, die allgemeine wissenschaftliche Methode zu sein (ebd., S. 13). Trotzdem beruhen alle seine Arbeiten letztlich auf der Hypothese:

Wir glauben [...] sagen zu dürfen – und das ist eine Hypothese-, daß sich alle dialektischen Widersprüche mathematisch modellieren und schließlich technisch imitieren lassen. (Klaus 1961, S. 180)

Ein anderer Autor will gerade die Reduktion der Hegelschen Dialektik als marxistischen Fortschritt aufweisen:

Marx "zerlegte" die Hegelsche Linie der triadischen Entwicklung in zwei Linien – in den objektiv-widersprüchlichen Entwicklungsprozeß der Erkenntnisobjekte und den ihn widerspiegelnden Prozeß der Erkenntnisbewegung [...]. Die Theorie der Identität von Sein und Denken wurde zerstört, und an ihre Stelle trat die Theorie der Abbildung des Seins im Denken. (Narski 1973, S. 187, kursiv i.Orig.)

Wie schon erwähnt, tragen auch unvollständige Momente des Hegelschen Kategorienprozesses bereits Dialektik in sich. Deshalb zeigt sich die Dialektik auch dort:

Dialektik zeigt sich [...] in Entwicklung und Geschichte, aber es wäre falsch, Dialektik nur dort zu suchen. Das Verhältnis von Quantität und Qualität, von Elementarität und Struktur hat große Bedeutung für die philosophische Analyse [...]. (Hörz 1976, S. 46)

Momente der Dialektik zeigen sich auch in Vorstufen des dialektischen Denkens, die oft als vollständige Dialektik verstanden werden. In diesem Sinne schreibt auch Hegel: "Alles, was uns umgibt, kann als ein Beispiel des Dialektischen betrachtet werden." (Enz. I, S. 174). Ein Beispiel zu geben heißt aber nicht, etwas begriffen zu haben.

Wichtig für den Übergang vom wesenslogischen zum begriffslogischen Denken ist es, Teile und Ganze als vermittelt zu begreifen. So beispielsweise bei Fuchs und Hofkirchner, die als dialektische Medientheorie jene verstehen, bei der "Medien als Hersteller und Mittler von Verhältnissen zwischen Entitäten" (Fuchs, Hofkirchner 2003, S. 209) verstanden werden. Medien organisieren zwischen zwei Entitäten ein Verhältnis. Allerdings wird hier die Vermittlung und die dadurch entstehenden Verhältnisse den Entitäten eher äußerlich hinzugefügt. Begriffslogisches Denken würde die Entitäten nicht als an sich bestehend voraussetzen, sondern jene Vermittlungen aufsuchen, die die Produktion der Entitäten als Momente einer dialektischen Einheit und der Einheit selbst bestimmen (wie im Fall der Produktion).

Orientiert sich die Erkenntnis auf jene Beziehungen und Relationen, die noch nicht solche Produktionen, sondern nur eine Art Austausch zwischen an sich bestehenden Entitäten vermitteln, liegt kein begriffslogisches Denken vor.

Auch das beliebte Suchen nach "Bestätigungen" der Dialektik in den die Mathematik und die Fachwissenschaften vorantreibenden Erkenntniswidersprüchen (z.B. Klaus 1953/1978) ersetzt dialektisches Begreifen nicht.

3. Allgemeintheorien

Schauen wir uns zunächst einmal den Unterschied zwischen Einzelwissenschaften auf der einen Seite und Allgemeintheorien und Philosophie auf der anderen Seite an.

Einzelwissenschaften haben jeweils konkrete Bewegungsformen zu ihrem Gegenstand, und sie untersuchen das jeweils Allgemeine in Gesetzesform für diese einzelne Bewegungsform, ob physische, chemisch-biologische oder soziale oder gesellschaftliche. Ihre Gesetze enthalten Größenarten, die für diese unterschiedlichen Bewegungsformen bestimmt wurden.

Objekte jeweils komplexerere und höherentwickelter Bewegungsformen unterliegen auch den jeweils "niederen" Bewegungsformgesetzen (vgl. Schlemm 2003) – so folgt die physikalische Bewegung einer eine Baum herunter springenden Katze dem Fallgesetz -, aber wir werden die Lebendigkeit einer Katze nicht durch eine Reduktion der Betrachtung auf die niedere Bewegungsform erfassen können. Warum eine Katze immer mit den Beinen auf dem Boden aufkommt, kann kein physikalisches Gesetz erklären.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden konkrete physikalische Gesetzmäßigkeiten noch weiter verallgemeinert. Aus dem Ohmschen Gesetz (I= 1/R x U) wurde z.B. im Rahmen der Entwicklung einer Theorie der Wechselstromnetzwerke die allgemeine Symbolik: "Wirkung = Systemcharakteristik x Ursache" (vgl. Wunsch 1985. S. 35ff) abgeleitet. So wurden zuerst (durch Karl Steinmetz 1889) Wechselstromnetze auf Gleichstromnetze abgebildet:

Abbildung 3: Modellierung von Systemen (aus Wunsch 1985, S. 35)

Die sich daraus entwickelnde Systemtheorie und Kybernetik abstrahiert von der konkreten Bewegungsform und beschreibt abstrakte, d.h. sehr allgemeine Struktur- und Prozessmuster.

Die Systemtheorie betrachtet Allgemeines über die Einzelwissenschaften hinweg. Dieses Allgemeine sieht sie (beispielsweise bei Kupfmüller ab 1928) als Wechselwirkungsnetzwerk realisiert, in der von der technischen Realisierung von nachrichtentechnischer Übertragungsgliedern abstrahiert werden kann und nur die Funktionsweise als Netzwerk interessiert (vgl. Wunsch 1985, S. 79). Ab 1940 wurde dieses Systemdenken aus der Nachrichtentechnik in die Regelungstechnik übernommen und seit 1948 durch N. Wiener und später auch durch W.R.Ashby als Kybernetik für allgemeinste Systembegriffe auf eine eigene wissenschaftliche Grundlage gestellt.

"Die Gesetze der Kybernetik (Systemtheorie) sind nicht von ihrer Ableitung aus anderen Gebieten der Wissenschaft abhängig. Kybernetik hat ihre eigenen Grundlagen." (Ashby 1974)

Abbildung 4: Rückkopplung (aus Wunsch 1985, S. 80)

Neben der eher strukturellen Systemtheorie z.B. Parsons erlangten in der neueren Zeit die funktionellen Systemtheorien Bedeutung. Bei aller Verschiedenheit der systemtheoretischen Konzepte zielen wohl alle Bestimmungen des Terminus "System" darauf ab, eine "geordnete Gesamtheit" (Liebscher 1996, S. 860) einer Menge von Elementen und zwischen ihnen bestehender Relationen (Steinbacher 1999, S. 1579) zu beschreiben. Dabei geht es darum, "die Objekte als Elemente oder Teilsysteme mit genau definierten Eigenschaften aufzufassen; die unter der jeweiligen Gesamtheit von Objekten bestehende Ordnung bildet eine ebenfalls genau definierte Struktur des betreffenden Systemtyps" (ebd., S. 861). Diese Systemttypen können dann als Modelle der jeweiligen Objektgesamtheit betrachtet werden.

Dabei geht es nicht unbedingt um das System selbst, beispielsweise um die Identität aller Teile des Systems, sondern um den Erhalt einer System-Umwelt-Differenz, beispielsweise in der sozialen Systemtheorie bei Luhmann (Luhmann 1984).

Erst die Leistung spezifischer Selektionen aus den überkomplexen Möglichkeiten der Umwelt erzeugt die Differenz zwischen System und Umwelt, die das System zum System macht (Willke 1993, S. 46).

Karen Gloy schreibt allen Systemen folgende konstitutiven Momente zu: Vielheit, Einheit, die Synthese der Vielheit zur Einheit und die Idee der Ganzheit, d.h. das Auftreten eines dominanten einheitlichen Aspekts (Gloy 1998b, S. 228f.). Dabei unterscheidet sie drei Typen von Systemen:

  1. Klassifikationssysteme: Hier geschieht der Übergang von der Vielheit zur Einheit subsumtiv, auf der Grundlage eines gemeinsamen Merkmals der Vielen.
  2. Relationssystem: Das Ganze ist unmittelbar in jedem Teil präsent (wie in den Leibnizschen Monaden), sie definieren sich von vornherein nur relational, d.h. über ihre gegenseitigen Beziehungen.
  3. Selbstreferentielles, autopoietisches System: Im System werden die Teile innerhalb eines Netzwerks von Relationen zwischen den Teilen selbst produziert: "Diese Bestandteile wirken einmal durch ihre Interaktionen in rekursiver Weise an der Erzeugung und Verwirklichung eben jenes Netzwerks von Prozessen der Produktion von Bestandteilen mit, das sie selbst erzeugte, und bauen zum anderen dieses Netzwerk von Prozessen der Produktion von Bestandteil dadurch als eine Einheit in dem Raum auf, in dem sie (die Bestandteile) existieren, daß sie die Grenzen dieser Einheit erzeugen." (Maturana 1985, S. 141f. )

Wie wir sehen, können Systeme neben der schon aus der Kybernetik bekannten Selbstregulation auch die Fähigkeit zur Selbsterhaltung (Selbstreferentialität) und Selbsterzeugung (Autopoiesis) besitzen.

Der Begriff der autopoietischen, d.h. sich selbst erzeugenden Systeme wurde primär für lebende Systeme (speziell das Nervensystem) entwickelt (Maturana 1975), aber bald auch zur Beschreibung anderer Systeme verwendet. Die aus der irreversiblen Thermodynamik bekannten dissipativen Strukturen bekommen hier die zusätzliche Fähigkeit, ihren Energie- und Massedurchsatz mit der Umgebung selbst in Gang zu halten und ihre eigenen Bestandteile stets neu zu erzeugen (Maturana, Varela 1990, S. 50). Typisch für diese Systeme ist es auch, dass sie zwar die äußeren Bedingungen zur eigenen Erhaltung und Erzeugung nutzten und Reize von außen empfangen; das eigene Verhalten wird aber primär von der eigenen Struktur determiniert. Eine Interaktion kann lediglich innere Strukturveränderungen selektieren, aber nicht festlegen (Maturana 1985, S. 20) Auf diese Weise hat solch ein System die Fähigkeit "seine eigene Gesetzlichkeit beziehungsweise das ihm Eigene zu spezifizieren" (ebd., S.55), d.h. Autonomie. Begrifflich sollte unterschieden werden zwischen Selbstreferenz (Form des Sich-auf-sich-Beziehens bzw. des Immer-schon-auf-sich-Bezogenseins, Gloy 1998b, S. 235) und Autopoiesis (Selbsterzeugung, wobei der materiale Aspekt eingeschlossen ist, ebd).

Die folgenden Abbildungen zeigen die Besonderheit autopoietischer Systeme im Unterschied zu früheren Systemdarstellungen (von H.v. Foerster 1985/1993, S. 99, 101).

Abbildung 5a: Aussenansicht: Kybernetische Maschine: Sollwertregelung (aus Foerster 1985/1993, S. 99)

Abbildung 5b: Sicht "von innen": Autopoiesis: Ein Organismus kann nicht "aus sich" heraustreten (aus ebd., S. 101)

Mehr als die früheren Systembegriffe macht es die Untersuchung autopoietischer Systeme notwendig, von einer rein analytischen Beschreibung abzugehen, sie bedarf "zusätzlich der Annahme einer Koevolution oder Harmonie zwischen den Ebenen der Systemaspekte" (Neuser 1998, S. 25). Der Systemerhalt wird ein expliziter Erklärungsgrund des Systems.

Das Konzept der Autopoiese orientiert berechtigt auf das Primat der innendeterminierten Dynamik von autopoietischen Systemen. Das Verhältnis zur Umwelt wird dabei verschieden thematisiert. Während z.B. N. Luhmann konsequent lediglich Wechselwirkungen zwischen Elementen und Subsystemen auf gleicher Ebene zuläßt, also nicht ebenenübergreifend, kann er nur die Selbsterzeugung bereits bestehender Systeme betrachten, nicht deren Entstehung. "Störungen" werden als auszugleichende negative Effekte diskutiert. Bei Maturana werden Kopplungen (Maturana 1985, S. 19) zwischen System und Umwelt, also "Störungen" von außen als Wechselwirkungen ausgemacht, die Entwicklung triggern können, wobei Entwicklung hier eher in einer Art "Driften" besteht und nicht in ihren weiteren Inhalten (Qualitätssprünge, Entwicklungszyklen, Tendenz zum Höheren, incl. Kriteriendiskussion) thematisiert werden kann.

Die Aufrechterhaltung der Stabilität wie auch die Entstehung von Systeme wird von der Theorie der Synergetik, der "Lehre vom Zusammenwirken", thematisiert. Hier wird vor allem gefragt, wie es zu dem koordinierenden Verhalten der Teile in einem Ganzen kommt. Das paradigmatische Beispiel hierfür ist ein Laser. Während Atome normalerweise (beim Rückfall der vorher durch Energiezuführung auf höhere Bahnen gehobenen Elektronen) ihre Photonen unkoordiniert aussenden, gelingt es unter bestimmten Umständen (aktives dynamisches System, z.B. bestimmte Festkörper wie Rubin und bestimmte Gase; geeignete Umwelt: Spiegel; Überschreiten eines kritischen Maßes an Energiezufuhr; u.a.), dass die Atome ihre Lichtaussendung koordinieren.

Abbildung 6: Lichtemission mittels angeregter Elektronen nach Energiezufuhr

Abbildung 7: induzierte Emission (Anregung der Elektronen durch Photonen)

Abbildung 8: Laser (aus Haken 1981/1995, S. 75)

Abbildung 9: Wirkung der Resonatoren (aus ebd.)

Dabei sind eine sog. Einschaltphase und die Synergiephase zu unterscheiden. Während in der Einschaltphase (blaue Funktion in Abbildung 10) z.B. in einem Gaslaser noch Licht in verschiedenen Frequenzen und in verschiedenen Moden (enthält noch andere Paramater wie Polarisation) ausgestrahlt wird, so führen beim Überschreiten einer kritischen Energiemenge (Pumpleistung in Abbildung 10) kleine Fluktuationen dazu, dass sich bestimmte Moden verstärken, andere dagegen abschwächen und schließlich nur noch Licht dieser Frequenz und eines bestimmten Modes in kohärenter Weise abgestrahlt wird (rote Funktion in Abbildung 10). Welcher Mode das ist, ist mehr oder weniger durch die vorgegebenen materiellen Bedingungen vorgegeben.

Abbildung 10: Einsetzen der Laserlichtkohärenz

Wichtig ist, dass der Übergang von der Einschaltphase zur stabilen Koordination durch kleine Fluktuationen in der Einschaltphase, die einem instabilem Gleichgewicht entspricht, ausgelöst werden muss. Durch die Einbeziehung der Entstehung neuer Bewegungsformen in einem Symmetriebruch unterscheidet sich die Synergetik von der Autopoiesis. Der neue Zustand der weitreichweitigen Korrelation, der Kohärenz, zeichnet sich durch sog. "zirkuläre Kausalität" aus. Die erzeugten Ordnungsstrukturen halten sich, wenn die äußere Energiezufuhr aufrecht erhalten wird, selbst aufrecht: "Sind bereits Lichtwellen vorhanden, so können diese ein angeregtes Leuchtelektron zwingen, im gleichen Takt mitzutanzen." (Haken 1981/1995, S. 74).


Abbildung 11: Kohärenz des Laserlichts (aus Haken 1981/1995, S. 73)

Der dominierende Mode (welcher durch das dynamische Medium und die Spiegelgeometrie eindeutig bestimmt ist) übernimmt die Rolle eines "Ordners", welcher die anderen Elektronen "versklavt" (ebd., S. 76). Durch den Ordnungsparameter ist auch ein theoretischer Zugriff auf das Zusammenwirken möglich.

Das System befindet sich durch die Energiezufuhr ständig sehr weit entfernt vom thermodynamischen Gleichgewicht.

Als umfassender Begriff für all diese nicht mehr nur von außen stabil gehaltenen und gesteuerten Systeme hat sich der Begriff "Selbstorganisation" eingebürgert.

Als von den eben genannten Konzepten unterscheidbares Konzept wird vor allem das Konzept nach Prigogine damit verbunden.

Eine Ausgangsunterscheidung hierzu ist die Unterscheidung von konservativer und dissipativer Selbstorganisation. Komplexe Systemen, die auch nach einer Energie- und Stoffzufuhr ihre Ordnung erhalten, wie Kristalle, fallen unter die Bezeichnung "konservative" Selbstorganisation. Im Folgenden interessiert lediglich die dissipative Selbstorganisation, die einer ständigen (mindestens) Energiezufuhr (und einem Entropieexport) bedarf. Schon die eben verwendeten Begriffe verweisen auf die theoretische Grundlage dieses Konzepts: die (irreversible) Thermodynamik. In einem geschlossenen System gilt der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, nach welchem in ihm die Entropie S (als Maß der "Unordung") nur anwachsen kann. Für ein offenes System gilt für die Entropieänderung eines offenen Systems im Zeitelement dt:

dS = diS + deS,

wobei diS die Entropieänderung durch Prozesse im Innern des Systems und deS die Änderung der Entropie durch Austausch mit der Umwelt darstellt. Wegen dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik,

diS ³ 0,

kann der Anstieg der Gesamtentropie dS verhindert werden, wenn über deS ein Entropieexport stattfindet. Bei Vorliegen der Voraussetzungen: Ferne vom thermodynamischen Gleichgewicht (Zuführung freier Energie), Offenheit des Systems (Möglichkeit des Entropieexports), Nichtlinearität des Mediums (Rückkopplung, Verstärkung) sowie Fluktuationen bei der Auslösung entsteht ein "irreversibler Prozeß, der durch das kooperative Wirken von Teilsystemen zu komplexen Strukturen des Gesamtsystems führt" (Ebeling, Feistel 1986, S. 11). Dabei wird eine von vorhandenen Fluktuationen an einem sensiblen Punkt im Parameterfeld (Bifurkationspunkt) nichtlinear verstärkt. Besonders interessant ist hierbei, dass eine große Komplexität des Gesamtsystems durch die nichtlineare Verstärkung einfacher Dynamiken erreicht wird (was sich in den bekannten Fraktalbildern verdeutlicht). Besonders die bisher rätselhaften organismischen Entwicklungsprozesse werden hierdurch einer Erklärung näher gebracht.

Eine der bekanntesten Darstellungen der Entstehung von Komplexität in einer Bifurkationsfolge entsteht, wenn über der Koordinatenachse mit dem Parameter r die Lösung z (z: komplexe Zahl) der folgenden Gleichung aufgetragen wird:

zn+1 = r zn (1-zn)

(Jeweils die Lösung des n-ten Rechnungsschrittes wird als neue Eingabe in den n+1-ten Schritt eingegeben).

Abbildung 12: Selbstorganisation (Weg ins deterministische Chaos über Periodenverdopplungen)

Wir erkennen in Abbildung 12, dass bei jeweils bestimmten Bifurkationspunkten neue Lösungsmöglichkeiten entstehen. Diese Möglichkeiten entsprechen real z.B. zeitlich periodischen Abwechslungen der beiden Möglichkeiten (so tritt z.B. eine jährlich periodisch abwechselnde Populationsgröße (z) bei bestimmten Tierarten bei einer Zunahme des Nahrungsangebots (r) auf) oder auch der Entscheidung zwischen zwei möglichen Zustandsformen (mehr zur Interpretation dieser Darstellung siehe Schlemm 2001).

Wichtig ist, dass die X-Achse nicht einfach mit der Zeit identifiziert werden kann, sondern lediglich den Parameter r repräsentiert.

In einem weiten Begriff von Selbstorganisation können wir alle bisher erläuterten Konzepte als jeweils Teilmomente beschreibend einordnen. Allen Konzepten ist gemeinsam:

Selbstorganisation beschreibt, auf welche Weise die Systemteile miteinander wechselwirken und eine Einheit oder ein Ganzes etablieren. (Neuser 1998, S. 27)

Die Beschreibung erfolgt unabhängig vom konkreten Material und sie verwendet einen besonderen Typ von Determinismus (d.h. auf Grundlage von Rückbezüglichkeit, Selbstähnlichkeit) (ebd.). Obwohl die Selbstorganisation nicht mehr nur Gleichgewichtssysteme beschreibt, bleiben Systemtheorie und Kybernetik Basis für die Konzepte der Selbstorganisation (Probst 1987, S. 26).

Das wesentlich Neue besteht darin, dass die Irregularität der in ihr beschriebenen Natur zum Normalfall erklärt wird, Komplexes nicht mehr als durch Reduktion auf Einfaches erklärbar genommen wird und Außensteuerung durch Selbststeuerung und interne Selbstbeobachtung ersetzt wird (Krohn, Küppers 1992, S. 10f.)

Dabei ist die Entwicklung der sich selbst organisierenden Systeme noch nicht vollständig aus sich selbst heraus erklärt. Energiezufuhr und Entropieexport müssen vorausgesetzt werden, das Vorliegen der geeigneten Eigenschaften, die zur Rückbezüglichkeit führen, muss für jedes einzelne betrachtete System vorausgesetzt werden – die Parameteränderung in der Zeit muß zusätzlich für jedes konkrete System aus dessen spezifischer Qualität und seinen konkreten Umständen abgeleitet werden. Gerade für die Fragestellung, wie ein System zu den kritischen Bifurkationspunkten gelangt, ist es durchaus wichtig, ob es das selbst bewerkstelligt, oder durch äußere Bedingungen dahin gebracht wird. Auch die berühmte "selbstorganisierte Kritikabilität" muss jeweils von außen hinzukommende Faktoren vorausgesetzen; im dafür typischen Sandhaufenbeispiel müssen die weiteren Sandkörner von außen kommen, ohne diese wird das System durch andere Einflüsse erodieren und nicht im kritischen Zustand bleiben. Die Bezeichnung "selbstorganisierte Kritikabilität" ist deshalb dafür irreführend, denn nicht das System selbst kann die Parameter von innen her beeinflussen, die es in neue kritische Zustände führt.

Das euphorische Feiern der Selbstorganisationskonzepte als Paradigmenwechsel gegenüber der früheren "mechanizistischen" Einzelwissenschaften beruht außerdem auf einem Mißverständnis. Es wird z.B. behauptet, "Die irreversible Thermodynamik ist die eigentliche, realistische Thermodynamik, weil alle realen Prozesse immer irreversibel sind" (Schnakenberg 1998). Es kann aber nicht darum gehen, welches Konzept der "wirklichen" Realität genauer entspricht, sondern es darf nicht vergessen werden, dass JEDES wissenschaftliche Konzept, ob einzel- oder allgemeinwissenschaftlich, auf Voraussetzungen beruht, die eine einfache Ontologisierung ihrer Ergebnisse vernunmöglichen. Darauf machen vor allem v. Borzeszkowski und Wahsner (Borzeszkowski, Wahsner 1988, Borzeszkowski, Wahsner 1989, S. 118ff.) immer wieder aufmerksam. Wir werden darauf zurück kommen.

Eine Zusammenstellung der Merkmale der verschiedenen Selbstorganisationskonzepte wird in der folgenden Tabelle gegeben.

Synergetik

Autopoiesis

Selbstorganisation

selbst-strukturierend:

Ordnungsaufbau durch Arbeit m.H. d. Energieflusses

(Bestandteile stabil)

selbst-produzierend:

+ Herstellung der Bestandteile

(System stabil, bzw. driftend, sich an Umwelt anpassend)

re-kreativ:

+ Entstehen neuer Zustände (als relative Ziele, d.h. Entwurfsstruktur!) des Gesamtsystems durch geeignete Veränderung der Umwelt! (bei Fuchs, Hofkirchner 2003, 128)

Versucht, die Entstehung des Neuen zu erklären,

- zirkuläre Kausalität (Elektronen erzeugen Lichtfeld, das Bewegung der Elektronen bestimmt - Erzeugung der Strahlung aber nur bei Energiezufuhr) - Kooperation

Integrität der Struktur bleibt gewahrt - keine Evolution (Anschlußfähigkeit überbetont)

Neues ist vorausgesetzt, SO wählt dann nur noch... Selbstorganisation als ein Grundprozeß der Evolution (nicht der Einzige)

Randbedingungen fremdbestimmt

Systeme bestimmen ihre Randbedingungen selbst: operationale Geschlossenheit

Randbedingungen fremdbestimmt

"Versklavung" für die Einzelnen (Identischen)

kein Möglichkeitsfeld für das Ganze

(statische) Funktion determiniert Verhalten

neue "kollektive Freiheitsgrade" für das Ganzemit Möglichkeitsfeld (für das Ganze)

 

minimale Entropieproduktion typisch

(siehe Abbildung 13)

Entropieproduktion zum Strukturaufbau maximiert (siehe Abbildung 13)

Tabelle 2: Selbstorganisationskonzepte

Speziell die selbstorganisierte Strukturbildung und die autopoietische Aufrechterhaltung lassen sich durch die Entropieproduktion unterscheiden:

Abbildung 13: Unterschiedliche Entropieproduktion bei Autopoiese und Selbstorganisation dissipativer Strukturen (aus Jantsch 1982/1988, S. 90).

4. Verhältnis von Dialektik und Allgemeintheorien

4.1. Identität

Wir warfen eben einen Blick in die Vielfalt moderner Allgemeintheorien. Im Prinzip muss für jede Theorie untersucht werden, inwieweit sie dialektischen Prinzipien entspricht. Hier kann ich nur kurze Ansätze dazu vorstellen und jeweils auf einige Gesichtspunkte aufmerksam machen. Dass die neuen Ansätze der Selbstorganisationskonzepte Fragen zum Verhältnis zur dialektischen Philosophie hervorrufen, betonte auch R. Mocek, denn in ihnen "finden sich viele Übergänge zu einer dialektischen Konzeption der Natur" (Mocek 1988, S. 133).

Bereits für die älteren Systemtheorie und die Kybernetik können dialektische Momente festgestellt werden. Indem das System zumindest einen Zusammenhang seiner Teile erfaßt, kommt es einer Dialektik nahe, die sich als "Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang" (Engels DdN, S. 307) versteht.

Die Orientierung von Dingqualitäten hin zu Wechselbeziehungen ermöglicht eine Mathematisierung der Systemtheorie. Die Dialektik der Wechselwirkungen läßt sich auf diese Weise mathematisieren und wenn Dialektik in einem engen Wortsinn interpretiert wird, bedeutet das, "daß wir mit der mathematischen Darstellungsweise unserer theoretischen Physik, unserer technischen Wissenschaften das Wesen der Wirklichkeit erfassen und zwar das volle dialektische Wesen [...]" (Klaus 1961, S. 179). Ein Schüler von Klaus, R. Thiel, geht noch weiter: "Dialektik heißt "System und Evolution. [...] System und Evolution ist auch das Logo der Kybernetik. Also brauchen wir Kybernetik." (Thiel 2002, S. 8)

Kennzeichnend für diese Art Systemtheorie ist der Übergang vom Strukturdenken zum Funktionsdenken, der auch schon die neuzeitlichen Naturwissenschaften auszeichnet (Cassirer 1910/1990). Dabei geht es beispielsweise bei Luhmann nicht um "kausalwissenschaftlichen Funktionalismus", sondern um "Äquivalenzfunktionalismus" (Luhmann 1969, S. 23).. Nicht mehr die "okkulten", inhärenten Qualitäten von Dingen werden als Gründe für die Erscheinungen der Welt ausgemacht, sondern gegenseitige Wirkfähigkeit, Wechselwirkungen, Beziehungsnetzwerke und Austauschprozesse. H.Rombach interpretierte diesen Wandel als Übergang zu einer "Phänomenologie der Freiheit", weil er "gegen die fixierten Formen eines Systems gerichtet" sei (Rombach 1971/1988, S. 14). Die Dinge (Systeme) werden von Qualitätsfestlegungen befreit und zu fast beliebigen Wechselwirkungen befähigt. Das Aufbrechen der Verdinglichung hat die Systemtheorie also mit der Dialektik schon einmal gemeinsam.

Auch H. Liebscher interpretierte Klaus΄ Buch "Kybernetik in philosophischer Sicht" als "Nachweis, daß die Kybernetik ihrem philosophischen Wesen nach materialistisch und dialektisch ist" (Liebscher 1995, S. 17). Liebscher erläuterte, dass dieser Nachweis nicht nur ein die Kybernetik als ernstzunehmende Wissenschaft verteidigender Verträglichkeitsnachweis sei, sondern die Kybernetik tatsächlich als "ein wissenschaftliches Instrumentarium angeboten" wurde, "mit dem die philosophische Basis jener Weltanschauung [...] vertieft und weiterentwickelt werden" solle (ebd., S. 18). In seinem Text "Kybernetik und philosophische Forschung" analysierte er besonders die Wechselbeziehungen von Kybernetik und Philosophie und unterbreitete Vorschläge, methodologische Gesichtspunkte aus der Kybernetik in die Philosophie aufzunehmen.

Dies ist zugleich möglich und notwendig, weil die Begriffsbildungen der Kybernetik auf einer Abstraktionsstufe erfolgen, die derjenigen der Philosophie verwandt ist und ihre Kategorien und Methoden in ihrem Wesen materialistisch und dialektisch sind (Liebscher 1965, S. 191).

Daraus erwachsene Vorwürfe, er habe (wie auch Klaus) die Philosophie durch Kybernetik ersetzen wollen, weist er entschieden zurück (Liebscher 1995, S. 42) - auch wenn er wenige Seiten später stolz von einem Lehrbuch für Marxistische Philosophie berichtet, in dem der Systembegriff (derjenige aus Systemtheorie und Kybernetik) explizit in den "Rang einer philosophischen Kategorie" (ebd., S. 45) gesetzt worden sei. Das Verhältnis von systemtheoretischem und philosophischem Begriff wird hier so dargestellt, als wäre der philosophische Begriff durch die Systemwissenschaft exakter gefaßt und in dieser präziseren Form der Philosophie "wieder zugeführt" worden.

Auch das Autopoiesis-Konzept trägt Dialektik in sich. Selbstreferentielle Autonomie wurde schon von Hegel betrachtet: "Das Individuum ist Beziehung auf sich dadurch, daß es allem anderen Grenzen setzt [...]" (Hegel WdL I, S. 121). Dabei wird Individualität auch dann beibehalten, wenn Teile ausgetauscht werden, wenn die Struktur Metamorphosen erlebt – lediglich die spezifische zyklische Produktion der Komponenten bleibt erhalten. Hegel gelangte zu einem Verständnis des Organischen, das sehr an die moderne autopoietische Sicht erinnert: Das Lebendige ist ein als "Wechsel seiender Bestimmtheiten" (Hegel 1988, S.188) "sich erhaltendes Ding" (ebd,. S. 178). Die organische Einheit vereinigt "das unendliche Aufheben [...] mit dem ruhigen Sein" (ebd., S.188).

Die Betonung der Autonomie und der Eigengesetzlichkeit findet sich bei Hegel als Betonung der Einheit von Momenten wieder, die nicht ruhen. Die Einheit ist der ständige Übergang der Momente, der Seiten ineinander. Auf diese Weise ist die innere Widersprüchlichkeit in dieser organischen Einheit enthalten.

Das Leben der organischen Natur ist der Gegensatz seiner selbst (Hegel 1988, S.201).

In der Konstitution und Aufrechterhaltung eines autonomen Randes kann die Verwirklichung des dialektischen Begriffs der Identität des Nicht-Identischen (Roth 1988, S. 92) erkannt werden.

Auf diese Weise erweist sich die Selbstreferenz "als Ursprung der Dialektik" (Zimmermann 1991, S. 35). Selbstreferenz bewirkt Dualismus von Identität und Differenz und Bewegung wird als Differenzierung von Differenzen verstanden. Auch die Wechselseitigkeit der Momente wird im Luhmannschen Konzept bereits vorgedacht: Interpenetration ist bei ihm dadurch bestimmt, dass zwei Systeme sich wechselseitig ermöglichen, indem sie in das jeweils andere ihre vorkonstituierte Eigenkomplexität einbringen (Luhmann 1984, S. 290); indem sie also wechselseitig zur selektiven Konstitution ihrer Elemente beitragen (ebd., S. 293).

Die Synergetik beschreibt eine Form der Entstehung von neuen Ordnungsstrukturen. Damit erfaßt sie die Formbestimmtheit des Umschlagens von Quantität in Qualität (vgl. Engels DdN, S. 307, 348). Dabei modelliert sie Entwicklungssprünge, ohne die inneren Triebkräfte selbst zu thematisieren.

Im Konzept der Selbstorganisation kann beispielsweise die Rekursionsgleichung als Formalismus einer Negation der Negation verstanden werden. Die Entstehung der neuen Ordnungszustände führt an die Grenzen des rein analytischen Denkens, "wenn die auftretenden Einzelsysteme einander wechselseitig so beeinflussen, daß mit jeder Änderung alle Einzelsysteme sich ebenfalls ändern" (Neuser 1998, S. 18). Auf diese Weise erreichen wir eine "Wiederentdeckung von Vielfalt und Zeit" (Prigogine, Stengers 1986, S. 62). Mannigfaltigkeit und Prozessualität, incl. die Entstehung von Neuem sind originäre Themen von Dialektik.

Dialektik zeigt sich besonders in der Wechselseitigkeit von Teilen und Ganzem in dem Sinne, wie sie beispielsweise von Hofkirchner und Fuchs in allgemeiner Weise und zur Beschreibung gesellschaftlicher Ganzheitlichkeit verwendet wird.

 

Abbildung 14: Dialektik von Teilen und Ganzem
nach Hofkirchner (1998) (linke Abbildung) und Fuchs (2002) (rechte Abbildung).

Fuchs betont vor allem die Dialektik von Aktionen und Strukturen sowie von Individuum und Gesellschaft (Fuchs 2002, S. 36).

Die neuen Selbstorganisationskonzepte bieten sich besonders an, in ihnen die Einlösung der Hoffnung auf eine neue Art Physik, bzw. einer Einheit von Physik und Naturphilosophie, wie sie einst Schelling anstrebte, zu suchen. Die Anknüpfungspunkte sowie auch skeptische Meinungen dazu werden seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Prigogine lehnt zwar die Metaphysik selbst ab, wagt aber selbst weitreichende weltanschauliche Interpretationen (besonders: Stengers, Prigogine 1986), deren Übereinstimmungen mit der Schellingschen Naturphilosophie beispielsweise Mutschler (Mutschler 1990) dargestellt, wie auch kritisiert hat.

4.2 Unterschied

Systemtheorie und Selbstorganisationsdenken widersprechen also dem dialektischen Denken nicht. Allerdings wäre es unangemessen, beide Denkformen miteinander zu identifizieren, ihre Besonderheiten auszulöschen und das Übergreifende der Dialektik zu negieren.

Nachdem also die grundsätzliche Verträglichkeit von materialistischer Dialektik und Systemwissenschaft festgestellt worden war, ging es darum, auf einem höheren Niveau philosophischer Reflexion einerseits ihre Unterschiede, andererseits ihre tatsächlichen Beziehungen aufzusuchen. (Warnke 1974, S. 23-24)

Eine Reduktion der Dialektik auf die Wesenslogik (Wechselwirkungsdenken), gar auf die Seinslogik (Werden des Daseienden) ist nicht ausreichend.

Eine ähnliche Diskussion wurde schon einmal in Bezug auf Logik und Mathematik geführt. Während Georg Klaus in einer Konferenz in Jena 1951 vor allem die Inhalte der formalen und mathematischen Logik referierte und ihre Ergänzungsnotwendigkeit durch die Untersuchung realer Objekte diskutierte (Klaus 1951a), forderte Ernst Bloch die Suche nach der inhaltlichen Verbindung von Logik ("Logistik") und dem dialektischen Materialismus "auf dem Boden einer qualitativ-prozeßhaften, einer recht verstandenen realistisch gezielten Characteristica universalis" (Bloch 1951, S. 43).

Als Versuch dazu präsentierte Georg Klaus seine Bemühungen, dialektische Widersprüche über die Spieltheorie zu mathematisieren (Klaus 1968). Klaus sah hierbei die unbedingte Notwendigkeit, dieser Spieltheorie eine angemessene Gesellschaftstheorie zugrunde zu legen, die Rand- und Nebenbedingungen liefert, die den Abstraktionen ihren Sinn geben (ebd., S. 7). Leider verfügte Klaus selbst nicht über eine ausreichend begriffslogisch fundierte Gesellschaftstheorie, sondern verwendete nur unangemessene Versatzstücke einer solchen (gerade jene, die in seine Mathematisierungsversuche auch einpassbar sind).

Ein verwandtes Thema ist die Untersuchung des Verhältnisses von Mathematik und Dialektik. Peter Ruben analysierte hierzu (Ruben 1979), dass weder die axiomatische (deskriptive) Mathematik, noch die konstruktive Mathematik dialektisches Denken darstellen können. Gerade die Dualität dieser beiden Mathematikformen beruht auf dem Gegensatz von Produkt und Produktion: Für die axiomatische Mathematik ist die Gattung als Objekt, Gegenstand bzw. Sache vollständig gegeben (geschlossenes System) - die konstruktive Mathematik sieht die Gattung hingegen als unvollständig gegebenen Prozess, als Verhalten, als Tun an (als offenes System). Beide können – aufgrund ihrer Spezifik als Mathematik - nicht die wirkliche Gattung als Einheit von Objekt und Prozess, von Gegenstand und Verhalten, Sache und Tun erfassen.

Die älteren Systemtheorien sowie die Kybernetik beruhen auf dem Gleichgewichtsdenken. Prozessualität ist hier auf Stabilität bezogen, Entwicklung und wesentliche qualitative Entwicklungssprünge werden nicht betrachtet. Die Erkenntnis von rein funktionalen Abhängigkeiten in der Gesellschaft verstärken diese noch "weil jene Freiheitsspielräume, die trotz aller funktionalen Abhängigkeiten existieren, nicht ausgenützt wurden" (Mutschler 1990, S. 138).

Weitere deutliche Differenzen zur Dialektik sind gegeben, wenn in Systemen die Systemelemente als isolierte, die Beziehungen als äußerliche betrachtet werden. Auch wenn Einzelnes nur "wegen seines Stellenwerts im System" (Angyal 1971, S. 20) betrachtet wird, und von seiner individuellen Besonderheit abstrahiert wird, liegt eine Reduktion der Dialektik Allgemeines – Besonderes – Einzelnes vor. Häufig wird von der Qualität der Systemelemente als Gegenstände abgesehen und die "Frage ist nicht, was ein Ding ist, sondern was es tut" (Ashby 1974). Dann entsteht eine Trennung des Gegenstandes von seinem Verhalten (vgl. Warnke 1977c/1981, S. 150). Das heißt, dass nur noch die Beziehungen, die Austauschverhältnisse betrachtet werden, die Produktion der "Stellen", d.h. der Gegenstände, zwischen denen dann die Beziehungen und Austauschverhältnisse bestehen, wird nicht untersucht. Auf diese Weise ist dann natürlich die Auswahl der jeweiligen Betrachtungsweisen relativ gegenüber allen möglichen Beziehungen, die Betrachtungsweise wird beliebig und willkürlich, weil die konkrete Qualität, das innere Wesen der Gegenstände, zwischen denen die Beziehungen existieren, keine Rolle spielt. Darüber gibt es keine Wahrheiten mehr, sondern nur verschiedene Perspektiven auf verschiedene Beziehungen.

In der DDR wurde das Verhältnis von Systemtheorien und Philosophie ausführlich diskutiert. Zum Verhältnis von Kybernetik und Philosophie nahm G. Klaus mehrmals ausführlich Stellung, beispielsweise schrieb er:

Die Kybernetik ist in der Lage, die allgemeine philosophische Argumentation durch konkrete einzelwissenschaftliche Theorien zu untermauern (Klaus 1973, S. 70).

Kybernetische Begriffe seien demnach als "Konkretisierungen" der philosophischen Begriffe zu verstehen; diese Art der Konkretisierung führt aber nicht zu konkret-allgemeinem begriffslogischen Denken, sondern zu einer Reduktion auf Momente der Dialektik, d.h. auf das abstrakte Ganze statt auf konkrete Totalität, auf Wechselbeziehungen statt auf qualitativ bestimmte Vermittlungen. Bereits 1969 stellte Herbert Hörz dazu fest, dass der Ersatz philosophischer durch kybernetische Termini deshalb problematisch sei, weil damit die eigentliche Aufgabe verdeckt, zu Erforschendes schon als erforscht ausgegeben werde. (Hörz 2001, S. 9) H. Liebscher macht gegen einen anderen Kritiker geltend, dass es niemals darum gegangen sei, fertige kybernetische Leitsätze vorauszusetzen, sondern gerade erst die Forschung auf diesen Gebieten zu initiiere n (Liebscher 1995, S. 49).

Es ging nicht nur aus politischen Gründen darum, die Kybernetik und Systemtheorie zu verurteilen, wie manche ihrer Vertreter heute meinen, sondern um eine konstruktiv-kritische Analyse. So wird deutlich, dass Systemtheorie und Philosophie unterschiedliche Abstraktionsrichtungen verkörpern. Hörz kennzeichnet seine Auffassung in einem späteren Bericht so:

Während Philosophie sich mit den Antworten auf die weltanschaulichen Grundfragen nach dem Ursprung und der Entwicklung der Welt, nach den Quellen des Wissens, nach der Stellung des Menschen in der Welt, nach dem Sinn des Lebens und dem Charakter der gesellschaftlichen Entwicklung befasse, gehe Kybernetik auf allgemeine Strukturen und Mechanismen, auf die Verhaltensweise von Systemen und die Probleme der Informationsübertragung ein. (Hörz 2001, S. 11)

Das Allgemeine von Einzelwissenschaften, Allgemeinwissenschaften und Philosophie ist nicht identisch, speziell ist "die allgemeine objektive Geltung eines Begriffes in allen Wissensgebieten vielfach kein notwendiges, jedenfalls aber kein hinreichendes Kritierum dafür [...], ihm den Status einer philosophischen Kategorie zuzuerkennen" (Laitko 1968, S. 676).

Camilla Warnke setzte in ihren Arbeiten (z.B. Warnke 1974) die Unterscheidung zwischen abstrakt-Allgemeinem und konkret-Allgemeinem ein. Es ist sicher nicht zufällig, dass gerade Camilla Warnke, die mit ihrer Arbeitsgruppe explizit zur Gesellschaftstheorie forschte, auf der begriffslogischen, und nicht nur wesenslogischen, Auslegung der Dialektik – und der daraus begründeten Unterscheidung der Philosophie gegenüber der Systemtheorie - beharrte.

Zum Problem wird der systemanalytische Ansatz erst dann, wenn es darum geht, das Spezifische sozialer Systeme zu erfassen, bzw. die formalen Modelle inhaltlich zu füllen. (Eder 1975, S. 16)

Typisch für das Unverständnis von Vertretern des systemtheoretischen Denkens gegenüber der umfassenden Dialektik ist die Reaktion Heinz Liebschers auf die Kritiken der Systemtheorien durch Camilla Warnke (Liebscher 1995, S. 142ff.).)* So wie er die Beschäftigung der Philosophen mit der von ihnen kritisierten Konzeption (Systemtheorie) verlangt, so muß ihm gegenüber gefragt werden, ob er zu einem ausreichenden philosophischen Verständnis gekommen ist. Er jedenfalls kann in der Verwendung solcher Begriffe wie "Teil und Ganzes" und "Totalität" "nur einen Rückschritt im Denken erblicken" (ebd., S. 145). Damit bestätigt er letztlich doch den von ihm zurückgewiesenen Vorwurf, er wolle philosophische durch ("präzisierte") kybernetische und systemtheoretische Termini ersetzen.

Da die damaligen Systemtheorien im Wesentlichen Gleichgewichtstheorien waren (bzw. sich an dynamischen Fließgleichgewichten orientierten), bestand von vornherein eine Kluft gegenüber umfassenden Entwicklungstheorien. Dieses Manko versuchte H. Liebscher dadurch zu relativieren, dass er betonte, dass auch Selbstregulation und Selbstorganisation, also Veränderung von Systemen schon immer Thema der Systemtheorie/Kybernetik sei (ebd., S. 48).

Solche Veränderungen sind auch im Autopoiesis-Konzept als "Driften" aufgrund "struktureller Kopplungen" möglich. Bezogen auf die darauf aufbauende Systemtheorie Luhmanns stellt demgegenüber Eder fest:

Die Systemtheorie bietet [...] in keiner Dimension eine Theorie, die die Nachkonstruktion und Rekonstruktion von Entwicklungsprozessen ermöglichen könnte. (Eder 1975, S. 23)

Im Synergetik-Modell werden gerade Entwicklungssprünge modelliert, aber die jeweiligen inneren Triebkräfte bleiben unthematisiert.

Dies trifft auch für die modernen Selbstorganisationstheorien als Nichtgleichgewichtstheorien zu. Das Einzelne ist hier nicht mehr immer nur eine austauschbare "Stelle" im Beziehungsnetzwerk. Ausgezeichnete einzelne Teile können im Moment der Bifurkation zu bestimmenden werden (Niedersen 1990). Dies vernachlässigt immer noch die spezifische Gegenständlichkeit aller beteiligten Momente, ihr Ansichsein, ihre Substantialität (vgl. Warnke 1977b, S. 35). Auch bei "offenen Systemen" ist der Austausch die definierende Bedingung, es geht hier noch nicht um "offene Systeme" im Sinne konkreter Systeme der Dialektik (vgl. Warnke 1977a, S. 12). "Komplexität" als oft verwendeter Oberbegriff für diese neue Art von Theorien kennzeichnet lediglich quantitative Momente je konkreter Totalitäten, von deren konkreten Besonderheiten bewußt abstrahiert wird. Dadurch wird auch in diesen Konzepten nur die Form der Bewegung und Entwicklung erfaßt, aber nicht der je konkrete (zur Begründung/Erklärung notwendige) Inhalt. Es wird nur gefragt, wie Bewegung und Entwicklung erfolgen, nicht was die Welt bewegt und wohin diese Entwicklung geht.

Dies trifft auch für die in Abbildung 14 gezeigten Vorstellungen noch zu. Zwar werden Wechselbeziehungen im Sinne des "einerseits... andererseits" und die gegenseitige Abhängigkeit von Teilen und Ganzem thematisiert, aber es fehlt das gegenseitige Enthaltensein der Momente, der wesentliche Widerspruch (zwischen den Teilen bzw. zwischen Teilen und Ganzem) sowie auch ein übergreifendes Moment. Auch im konkreten Fall der Emergenz sozialer Formen aus den sozialen Beziehungen verbleibt die Vorstellung im kommunikativ-informellen Bereich und zielt nicht auf die gegenständliche Qualität der Momente, auf ihre Produktion. Wie abstrakt diese Vorstellungen sind zeigt sich auch daran, dass sie sogar auf tierische Sozietäten zutreffen. Ein weiteres grundlegendes Manko dieser Vorstellungen ist, dass sie sich der soziologischen Mode anschließen, in der Gesellschaftstheorie lediglich zwischenmenschliche Beziehungen zu erfassen und dabei gerade das Wesen menschlicher Gesellschaft, die produktive Auseinandersetzung mit der Natur, zu vernachlässigen (vgl. Kritik hieran bei Tjaden 1977).

All dies spricht nicht gegen die Sinnhaftigkeit der Vorstellungen - aber dagegen, sie als letzte Weisheit dialektischen Denkens zu betrachten.

Neben der Abstraktion von konkreten Inhalten, die die Stärke der Selbstorganisationstheorien ausmacht – aber eben auch ihre Differenz zu konkret-dialektischem Begreifen begründet, gibt es weitere Gründe, das Beschreiben sich selbst organisierender Systeme nicht mit begreifend-dialektischem Denken zu verwechseln. Auch Luhmann selbst macht darauf aufmerksam, dass die von seiner Systemtheorie beanspruchte Universalität eine spezielle ist:

Mit Universalität ist nur behauptet, daß sich alle Tatbestände [...] systemtheoretisch interpretieren lassen. [...] Universalität der Theorie heißt nicht, daß sie ihre Gegenstände total, d.h. in allen möglichen Hinsichten erfasse [...].(Luhmann 1971, S. 378, 379)

Systemtheoretische Begriffsbildungen sind in der Tat Abstraktionen, welche die Totalität reduzieren (Warnke 1974/1982, S. 138).

Für die Selbstorganisationskonzepte, die auf der irreversiblen Thermodynamik beruhen, gibt es weitere konkrete Hinweise dafür, dass ihre Ergebnisse nur eingeschränkt verallgemeinerbar und auf "die Welt" anwendbar sind.

Die irreversible Thermodynamik unterscheidet sich in der Art und Weise ihrer Größenbildung, in der Art und Weise des Bezugs zur Wirklichkeit in keiner Weise von der reversiblen Thermodynamik. Wir sprechen weiterhin eine physikalische, speziell thermodynamische "Sprache":

Als thermodynamisch bezeichnen wir Modelle, die sich ausschließlich auf thermodynamische Größen, wie Stoffmengen, Energie und Entropie sowie ihre Flüsse beziehen. (Ebeling 1990, S. 36)

Wie Borzeszkowski und Wahsner im Anschluß an Boltzmann zeigen (Borzeszkowski, Wahsner 1984; Borzeszkowski, Wahsner 1989, S. 118ff.; Borzeszkowski, Wahsner 1988), läßt sich der zweite Hauptsatz der Thermodynamik durch statistische Annahmen über die Stoßhäufigkeit in einem Gas in Verbindung mit der klassischen Mechanik herleiten. In irreversiblen (speziell dissipativen) Systemen führen erst weitere Zusatzannahmen (Erreichen des kritischen Parameters, spezielle Prozessart, die Kooperativität ermöglicht) zur Ordnungsbildung.

Dass solche Zusatzannahmen notwendig sind, verweist darauf, dass auch in der irreversiblen Thermodynamik die zeitliche Prozessualität nicht direkt Gegenstand der dynamischen Gesetzmäßigkeiten ist. Der beschworene Unterschied zur Mechanik ist gar nicht so groß wie oft angenommen: Auch in der klassischen Mechanik kommen wir von den Gesetzen zu realen Lösungen, also zu einem realen zeitlichen Verhalten, wenn wir konkrete Anfangs-, bzw. Randbedingungen einsetzen. In beiden Fällen schließt die Physik "die Geschichtlichkeit nicht aus, aber sie erfaßt sie nicht unmittelbar" (Borzeszkowski, Wahsner 1989, S. 133).

Dies widerspricht der Vorstellung, mit der Theorie irrversibler Prozesse könne nun endlich auch Entwicklung direkt naturwissenschaftlich erfaßt werden. Physikalische Evolutionsprozesse werden bestimmt als "spezielle Klasse irreversibler Prozesse, die eine unbegrenzte Folge diskreter qualitativer Übergänge (kinetische Phasenübergänge) durchlaufen, bei denen ein physikalisches Ordnungs- oder Komplexitätsmaß wahrscheinlich zunimmt bzw. die Symmetrie des Systems wahrscheinlich abnimmt" (Ebeling, Feistel 1986, S. 426). Damit werden nun tatsächlich Bewegungsformen erfaßt, die bisher nicht physikalisch erfaßbar waren. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass diese Bewegungsformen nur Momente umfassender Entwicklungszyklen sind, nicht die Entwicklung selbst zu begreifen erlauben. Das vereitelt schon die Abstraktheit der thermodynamischen Begriffe. Wir sehen zwar die Entstehung neuer Ordnungsstrukturen, können sie formell nachbilden – aber nicht konkret-inhaltlich begreifen. Das Problem der Emergenz wird auf dieser abstrakten Ebene gestellt, aber nicht gelöst. Wie auch Marie-Luise Heuser-Keßler feststellt, bleibt in dieser abstrakten Beschreibung immer noch die Frage offen, "wie es überhaupt zu so etwas wie Objektivität und zu abgegrenzten, isolierbaren, einigermaßen stabilen und somit identifizierbaren Gebilden kommen kann" (Heuser-Keßler 1990, S. 43, kursiv i.Orig. ).

Die bisherigen einzelwissenschaftlichen Systemtheorien können die grundlegenden Objektivierungsbedingungen meines Erachtens deshalb noch nicht befriedigend angeben, da sie als jeweilige Anfangsbedingungen die Existenz von Systemen mit einem vorgegebenen Tupel an Gesetzmäßigkeiten voraussetzen müssen, ohne diese selbst noch einmal theoretisch begründen zu können. Die Selbstorganisation wird somit zu einer Eigenschaft jeweils vorgegebener Systeme und nicht zu deren (absolut) genetischen Grund. (Heuser-Keßler 1990, S. 43)

Die spezifische Eigenqualität der Objekte ist nicht Thema der Selbstorganisationskonzepte. Die abstrakte Universalität dieser Sichtweise ist ihr Vorzug – begründet aber gleichzeitig ihre Grenzen.

Wenn wir zusätzlich noch den speziellen epistemologischen Status jeder naturwissenschaftlichen, speziell physikalischen und damit auch thermodynamischen, Theorie berücksichtigen, wird deutlich, dass sich die zeitreversible klassische Mechanik und die irreversible Thermodynamik gar nicht darum streiten brauchen, welches Konzept die Wirklichkeit "besser" darstellt.

Hubert Laitko machte schon 1968 darauf aufmerksam, dass der Begriff Struktur mit seinen Momenten Element und Zusammenhang als erschöpfbare Objekte mit endlich vielen Eigenschaften angesehen werden, während konkrete, empirische Objekte sich durch ihre Unerschöpflichkeit auszeichnen. (Laitko 1968, S. 681). Auch Hörz betont – obwohl er in wichtigen Fragen Laitko widerspricht – den Unterschied zwischen dem unerschöpflichen und so nicht erkennbaren Universellen und dem als System zu Erkennenden:

Das Gedankenexperiment, nur die universelle Wechselwirkung anzuerkennen, würde für die Erkenntnis dazu führen, daß wir kein Objekt erkennen können, da für jede Erkenntnis die Kenntnis des Universums wichtig wäre. Deshalb interessiert uns auch nicht die universelle Bedingtheit zu allen Zeiten, sondern die Bedingtheit der Elemente eines Systems in einem bestimmten Zeitintervall und ihre Bestimmtheit. (Hörz 1971, S. 72)

Wissenschaftliche Wesenserkenntnis ist grundsätzlich also eine Einschränkung gegenüber der "Kenntnis des Universums". Epistemologisch betrachtet ist es die Aufgabe naturwissenschaftlicher Begriffsbildung, die Bewegung mess- und berechenbar zu machen. Dazu verteilt sie die widersprüchlichen Momente der Bewegung auf je zwei unterschiedene (nicht getrennte) Bereiche, was sich in der Größenbildung der Geschwindigkeit zeigt (hier wird die Widersprüchlichkeit der Ortsbewegung in die Momente Raum-Zeit und Geschwindigkeit auseinandergelegt (Borzeszkowski,Wahsner 1989, S. 38)) sowie in der für die Naturwissenschaft (Physik) typischen Unterscheidungen von jeweils passiven und aktiven Prinzipien wie Raum-Zeit-Struktur und physikalischen Wechselwirkungen, Teilchen und Feldern, Topologie und Metrik (ebd., S. 27). Diese Dualisierung ist die Voraussetzung dafür, dass die Naturwissenschaft ihre Aufgabe erfüllen kann – ist aber gleichzeitig der Grund dafür, warum Naturwissenschaft nicht unmittelbar zur Philosophie (Dialektik) werden kann, die den Anspruch hat, konkrete Totalitäten in ihrer Widersprüchlichkeit als sich entwickelnde zu begreifen. Diese Abstraktionen vom Unerschöpflichen durch die Reduktion der realen Widersprüchlichkeit gelten auch für die Selbstorganisationstheorien und andere allgemeine Konzepte. Erstens vermittelt über ihre noch vorhandene Bindung an die naturwissenschaftliche Bildung von Meßgrößen und zweitens darüber, dass sie gerade in ihrer allgemeinen Systemform gerade dafür stehen, Komplexität (konkrete Unerschöpflichkeit) zu reduzieren (Luhmann).

Eine Überschätzung der System/Selbstorganisationstheorie ist deshalb unangemessen. Es ist immer zu berücksichtigen, dass die Objekte der Selbstorganisationstheorie nicht die realen Dinge der Welt "da draußen" darstellen, sondern wie den allen Naturwissenschaften idealisierte, durch die notwendige Dualisierung nicht mehr die sich dialektisch selbst entwickelnden wirklichen Gegenstände und Zusammenhänge sind.


)*
Zur Kritik von Herbert Hörz schrieb Liebscher: "Aber er tut dies stets in einer sachlichen, argumentierenden Weise, die ich ohne weiteres akzeptieren konnte." (Liebscher 1995, S. 137; vgl. auch: Liebscher, Heinz (2003): Meine Ankunft bei Herbert Hörz (1972/1973). In: Philosophie und Wissenschaft in Vergangenheit und Gegenwart. Festschrift zum 70. Geburtstag von Herbert Hörz. Hrsg.v. G. Banse und S. Wollgast. trafo-Verlag Berlin. S. 409-414. S. 411)   Zurück

 


  • Anhang: Teile und Ganzes
  • Literatur
  • Dieser Beitrag erschien in Vorschein Nr. 25/26. Jahrbuch 2004/2005 der Ernst-Bloch-Assoziation (Hrsg.: Doris Zeilinger). Nürnberg : ANTAGO Verlag 2006. S. 127-158.



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