Daten - Information - Wissen - Lernen

Informationen unterscheiden sich von Daten dadurch, daß sie zuzüglich zu Daten wie "25C" noch einen Kontext enthalten: "In diesem Zimmer beträgt die Temperatur 25C". Dieser Kontext ist jedoch noch feststehend und für alle Informationsempfänger identisch.

Information kennzeichnet ein Verhältnis zwischen wechselwirkenden strukturierten Systemen. Sie bezieht sich auf die jeweiligen Besonderheiten der miteinander wechselwirkenden Strukturen (Kamschilow).
Nicht jede geordnete Struktur ist schon Information (sonst könnte man das Wort "Information" durch "geordnete Struktur" ersetzen). Die Kategorie Information enthält jedoch die Wirkung auf einen jeweils von der Herkunftsstruktur unterschiedenen Strukturbereich.
Information ist ein bedeutungstragender Zusammenhang, der zwischen (mindestens) zwei unterschiedlichen Systemen wirkt und (mindestens) im Empfängersystem etwas bewirkt. Information ist deshalb die "Fähigkeit spezifisch organisierter Strukturen zur gerichteten Wirkung" (Franz, Liebscher) und entstand zuerst in lebenden Organismen. Dabei reagiert das Empfängersystem/der Organismus auf bestimmte äußere Bedingungen, aber nicht lediglich gemäß den unspezifischen chemisch-physikalischen Gesetzen, sondern es setzt diese Bedingungen selektiv in (mindestens) innere Aktivität um (Holzkamp, S. 61). Die Wirkung von Information ist dabei begrenzt: sie "verändert den inneren Kontext der Selbstbestimmung, ohne die Strukturgesetzlichkeit zu beseitigen" (Luhmann, S. 103). Beispielsweise ist die Veränderung des Wissens in B eine solche Wirkung (vgl. Ingwersen).

Abbildung: Information als Prozeß: A wirkt - über "Stellvertretersignale", die die Bedeutung tragen - auf B, wobei sich B intern zu B verändert und wiederum - der Bedeutung der Information adäquat - verändernd auf A (® A) wirkt (nach Franz, Jankow)

Oft kann man Begriffe gut charakterisieren, indem man bestimmt, was bei ihrer entwicklungsgeschichtlichen Entstehung eigentlich das Neue war. Die Information kommt mit der Entstehung der Sensibilität auf die Welt, bei der eine Signalfunktion entsteht: "Der ursprünglich einheitliche... Wechselwirkungsprozeß... gliedert sich... in zwei Teile auf. Ein Teil der Umwelteinwirkungen bestimmt ... die Existenz des Organismus, der andere regt ihn zur Tätigkeit an und steuert sie." (Leontjew, zit. in Holzkamp, S. 69).

Information unterscheidet sich von einer rein physikalisch/chemischen Wechselwirkung dadurch, daß die Wirkung über ihren Bedeutungsgehalt, nicht etwa über physikalische oder chemische Krafteinwirkung erreicht wird. In der Weiterentwicklung werden beim Neugier- und Explorationsverhalten der Tiere die Signale Anreger zur aktiven Umwelterkundung. Je "neuer" ein Sachverhalt ist, desto "bedeutungsvoller" werden sie (Holzkamp, S. 143).
Information ist somit Bestandteil geordneter materieller (d.h. stofflich-energetischer ) Strukturverhältnisse, nichts daneben. Allerdings kann sie ihre Träger wechseln und erscheint dadurch als davon unabhängig.
Information "lebt" nur in Organismen und Subjekten (weil es nur hier Bedeutungen gibt) - sie kann technisch weder "gespeichert" noch "verarbeitet" werden. Was in technischen Systemen auftaucht, sind lediglich verknüpfte Daten, die höchstens "Spuren" der Wirkung von bedeutungstragender Information enthalten, die selbst ein Eigenleben gewinnen können (Simulation). (Ausführlicher über die unterschiedlichen Informations-Begriffe siehe Capurro).
(Die Herkunft des Shannonschen Informationsbegriffs aus der Kommunikationstechnik verbirgt ihre Bindung an lebendige Prozesse, indem er nur die technischen Systeme als Sender, Leitung und Empfänger betrachtet und die diese Systeme zu ihren Zwecken betreibenden menschlichen Akteure aus der Betrachtung ausschließt. Erst in der semantischen Bedeutung des Informationsbegriffs kommt das Element der Gebundenheit als Bedeutungen/Kontexte hinzu und wiederum erst mit dem pragmatischen Informations-Begriff wird angedeutet, daß die Information praktische Verhaltensreaktionen hervorruft.)

Kommunikation berücksichtigt die Reziprozität des Informationsaustausches. Schon Organismen können spezifisch aufeinander einwirken, d.h. kommunizieren (Holzkamp, S. 113). Die Entstehung dieser Fähigkeit ist entwicklungsgeschichtlich mit der Koordination tierischer Aktivitäten verbunden und sie unterstützt sich herausbildende Sozialstrukturen im Tierreich.

Wissen ist jedes Ergebnis von Erkenntnisprozessen und damit eine spezielle Form von Informationen. Es bezieht die praktische Anwendung der Daten und Informationen ein.

Es muß nicht unbedingt "absolut wahr" sein, sondern die Realität mehr oder weniger richtig widerspiegeln und damit ein erfolgreiches Handeln ermöglichen (Schreiter). Da sich die Umstände des Handelns ändern und der Erkenntniserwerb fortschreitet, ist Wissen eine sehr "verderbliche" Sache. Wissen ist nichts, was man "hat", sondern es ist selbst ein Prozeß. Kein Datenablagesystem kann deshalb "Wissen speichern" - nur in einem lebendigen Interaktionssystem kann es existieren.
In dieses sind aber nicht nur ideell-symbolische Tatsachen einbezogen, sondern Wissen ist ebenfalls in den gesellschaftlich hergestellten Dingen "vergegenständlicht".
Wissen als Gedanken unterscheiden sich von Information durch ihre Subjektivität (Information ist objektiv, d.h. nicht von einem einzelnen Subjekt abhängig). Gedanken - also Wissen - können nur Menschen als Subjekte des Handelns haben. Technisch gespeichert, verarbeitet und kommuniziert können höchstens (auf Sprache oder Mathematik) reduzierte Abbilder des Wissens werden.

Die Anerkennung des Begriffs "Organisationales Wissen" im Sinne von Regelsystemen und Operationsformen von sozialen Systemen bezieht ihre Rechtfertigung aus der Handlungsfähigkeit von sozialen Systemen (Willke). Aber auch dann kann nur das abstrakt symbolisierte "Wissen" unabhängig von den Personen gespeichert und verarbeitet werden.

"Lernen" wird im Bereich der Organisationslehre als allgemeiner Begriff für Wissensänderungen verwendet. Dabei ist nicht nur das individuelle Lernen gemeint, sondern auch:

  • Kollektivierung (Wissensänderung vom Individuum zum Kollektiv)
  • Sozialisierung (Wissensänderung vom Kollektiv zum Individuum)
  • Kulturkampf (Wissensänderung zwischen Kollektiven)
  • Institutionenbau (Wissensänderung zwischen Individuen)
  • Kulturwandel (Wissensänderung innerhalb eines Kollektivs) (Romhardt)

Das Lernen bezieht sich in erster Linie auf die Anpassung an aktuelle Veränderungen. In der Entwicklung des Lebendigen entstand die Lernfähigkeit als individuelle Anpassungsmöglichkeit an kurzfristig-aktuelle Umweltveränderungen, wodurch auch ein Individual-Gedächtnis entsteht (Holzkamp, S. 125ff.). Dadurch können Automatismen aufgebrochen und Umlerneffekte erreicht werden (ebd., S. 166). Es gilt insbesondere: "Was und auf welche Weise gelernt werden kann, ist bestimmt durch die "Lebensnotwendigkeiten" einer bestimmten Spezies in ihrer artspezifischen Umwelt." (ebd., S. 128)

Oft wird das Wort Lernen auch für den Erkenntnisprozeß selbst verwendet und verdeckt damit, daß seinem Gebrauch eine nicht genannte und nicht bedachte erkenntnistheoretische Konzeption vorausgesetzt ist.

Die Intelligenz ist die "Disposition für kognitive Prozesse für die Bewältigung der Lebensaufgaben" (nach Mehlhorn). Dazu gehört eine gewisse Flexibilität, die "Fähigkeit des Findens, Erfindens und Sichzurechtfindens in neuen, ungewohnten Lebenslagen auf Grund von Einsicht" (Hoffmeister, S. 333).

Kreativität ermöglicht schließlich das erstmalige Finden einer Lösung für ein bisher nicht bewältigtes Problem und die damit verbundene Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten.

In der Kompetenz ist diese kognitive Intelligenzfähigkeit erweitert um Handlungsfähigkeit.

Die emergenten Eigenschaften komplexer Systeme (Menschengruppen, Organisationen, technischer Mittel) werden oft auf analoge Weise als "Wissen" oder "Kompetenz" bezeichnet. Dies kann jedoch maximal metaphorisch gemeint sein, weil der Wesensgehalt der Kategorien - die menschliche Subjektivität - dabei verloren geht.

Die häufige fälschliche Zuschreibung dieser spezifisch menschlichen Fähigkeiten führt leider dazu, daß im Gegenzug dann oft die menschliche Psychologie prinzipiell auf das technisch Bekannte reduziert wird, d.h. aus dem, was technisch als "Lernen" machbar ist, wird auf das Menschliche geschlossen (siehe Lenz, Meretz).

Literatur (mit externen Links):
http://v.hbi-stuttgart.de/~capurro/infovorl-index.htm (1999)
Franz, P., Jankow, Information contra Materialismus, Berlin 1977
Franz, P., Liebscher, H., Stichwort "Information" in: Philosophie und Naturwissenschaft, Wörterbuch Bonn-Wiesbaden 1991 (Hrsg.Hörz, H., u.a.)
Holzkamp, K., Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/Main, New York 1985
Ingwersen, P., Pors, N.O. Eds.: Information Science. Integration in Perspective. Kopenhagen 1996
Kamschilow, M., M., Das Leben auf der Erde, Leipzig, Jena, Berlin, 1977
Lenz, A., Meretz, S., Neuronale Netze und Subjektivität. Lernen, Bedeutung und die Grenzen der Neuroinformatik, Braunschweig, Wiesbaden 1995
Luhmann, Soziale Systeme. Frankfurt/Main 1987
Mehlhorn, H.-G., Stichwort "Intelligenz" in: Philosophie und Naturwissenschaft, Wörterbuch
Romhardt, K., Interventionen in die organisatorische Wissensbasis zwischen Theorie und Praxis. Welchen Beitrag kann die Systemtheorie leisten? In Internet:
http://enterprise.cck.uni-kl.de/wmk/papers/public/WissenUndSystemtheorie/
Schreiter, J., Stichwort "Wissen" in: Philosophie und Naturwissenschaft, Wörterbuch 1991
Willke, H., Das intelligente Unternehmen - Wissensmanagement der Organisation, in: Beratergruppe Neuwaldegg (Hrsg.), Intelligente Unternehmen - Herausforderung Wissensmanagement, Wien 1995, S. 49-69

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© Annette Schlemm 1999